Kultur und Gesellschaft

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Besinnliches

Nicht nur zur Weihnachtszeit

Bremen gilt als weltoffen und als eine Stadt, in der viele Menschen aus anderen Ländern, oft sogar aus anderen Kulturkreisen, ein Zuhause gefunden haben. Die gerade zurückliegende Wanderausstellung in der Bremer Zentralbibliothek "Weltreligionen - Weltfrieden - Weltethos" sowie aktuell das Projekt "Rembertitunnel" beweisen, dass die Hansestadt eine akzeptierende Haltung gegenüber Andersdenkenden auch immer wieder nach außen repräsentieren möchte.

Eine der wichtigsten Aufgaben der Menschheit im 21. Jahrhundert ist der Frieden der Völker, die Versöhnung der Kulturen und somit auch die Toleranz der Religionen untereinander. Die politische und ökologische Situation der Welt erfordert es, dass die Völker vermehrt mit- statt gegeneinander agieren.

Der Rembertitunnel

Der Verein "Bremen setzt ein Zeichen der Verbindung zwischen den Religionsgemeinschaften e. V." möchte ein "Symbol für das friedliche Zusammenleben der Kulturen und Religionsgemeinschaften in Bremen" schaffen. Es zeigt weit über Bremen und auch Deutschland hinaus, dass das Leben in dieser Stadt von Toleranz geprägt ist. Im Rahmen des Projektes soll der noch düstere und abweisende Remberti-Tunnel ein helles, freundliches und einladendes Gesicht erhalten. Sechs am interreligiösen Dialog beteiligte Glaubensgemeinschaften in Bremen (Juden, Christen, Muslime, Hindus, Buddhisten und Bahá'í) wollen ihr gemeinsames Anliegen, nämlich ein friedliches Miteinander, sichtbar machen. Dabei präsentiert sich jede Religion mit einem eigenen Symbol, das umrandet wird mit einem Spruch aus den jeweiligen heiligen Texten.

Initiatorin Regina Heygster ist Künstlerin und seit langem ehrenamtlich in der Hospizbewegung und der Kirche aktiv. Sie trägt die Überzeugung in sich, dass viele Menschen im Inneren eine Sehnsucht tragen, anderen Kulturen und Religionen offen zu begegnen. Daraus entstand die Idee, den zentral gelegenen Tunnel mit einer die Religionen verbindendenen Symbolik zu gestalten. Als erster Schritt ist die Umwandlung der Frontseite des Remberti-Tunnels in Richtung Stern geplant. Bis die Neugestaltung des ganzen Tunnels realisiert ist, liegt ein Schwerpunkt der Arbeit auf Veranstaltungen, in denen das friedliche Miteinander auf besondere Weise zum Ausdruck gebracht werden soll, z. B. über Vortragsreihen oder "Tunnel-Begegnungen".

Angesichts der gegenwärtigen Zersplitterung und Institutionalisierung einiger der etablierten Religionen, leistet das Projekt "Rembertitunnel" überdies einen Beitrag dazu, im Glauben wieder inspirierte Lebendigkeit zu entdecken. Denn zum Ursprünglichen aller Religionen gehört sicherlich u. a. auch, die Menschen aus der Enge des physischen Daseins zum unbegrenzten Sein zu erheben.


Sichtweisen

Würden die verschiedenen Religionen die Botschaft ihrer jeweiligen Propheten und Schriften bewahren bzw. vermitteln, dann könnten sie heute kaum noch als getrennte Religionen existieren. In ihrer Essenz, nämlich dem Streben nach Frieden und Liebe, unterscheiden sie sich nämlich nur unwesentlich. Doch trotz vieler regionaler und überregionaler Bemühungen in Richtung Frieden, werden noch immer Menschen wegen ihrer Ansichten, nicht zuletzt wegen ihrer religiösen, verfolgt oder für Feindbilder benutzt, weil sich ihre Herangehensweise an Glaubensfragen nicht mit dem deckt, was einige als "richtig" empfinden. Da Weihnachten aber als das "Fest der Liebe" schlechthin bezeichnet wird, lohnt sich ein Blick über den Tellerrand. Und dieser Blick sollte nicht in erster Linie das Trennende suchen, sondern das Gemeinsame finden. Vier Menschen, die aus anderen Ländern stammen, aber seit längerem in Bremen leben, beschreiben, was "Weihnachten in Bremen" für sie bedeutet, wie sie das Fest verbringen, wie sie Religion für sich definieren und was sie sich wünschen.

Prdip Pal kommt aus Indien. Er lebt schon seit mehreren Jahrzehnten in Bremen und ist Hindu: "Meine Frau ist evangelisch, unsere Kinder sind kirchlich getauft und wir feiern Weihnachten so, wie es hier üblich ist. Zum Essen gibt es bei uns am Heiligabend Fondue oder Raclette. Meine Frau und ich schenken uns nichts Materielles. Für unser Enkelkind gibt es aber natürlich etwas. Meine Frau feiert übrigens auch mit mir zusammen indische religiöse Feste. So hatten wir im Oktober z. B. ein mehrere Tage dauerndes Fest, das Durga-Puya-Fest, welches dem christlichen Weihnachtsfest ähnelt. Bei diesem Fest gibt es auch Geschenke und alle feiern zusammen, ohne Unterschiede zwischen Arm und Reich. Hier in Bremen gibt es auch die deutsch-indische Hindu-Gesellschaft. Wir haben Millionen von Göttern, aber damit sind eigentlich nur verschiedene Aspekte Gottes gemeint. Auch wir glauben, dass Gott nur Eins ist und die Wahrheit alles durchdringt. Für uns ist es in Ordnung, zu jedem Gott zu beten, in welcher Gestalt er auch sein mag. Dabei geht es um die Einheit in der Vielfalt. Wir akzeptieren andere Religionen und lehnen nichts ab. Das ist unser Kernsatz, ohne dass wir dabei die eigene Identität aufgeben".

Naghmeh Mojtahedi, Diplom-Bauingenieurin und Diplom-Stadtplanerin, stammt aus dem Iran und lebt seit zwanzig Jahren in Bremen. Sie ist Muslimin. "Ich bin ein positiv denkender Mensch und freue mich ganz einfach auf Weihnachten. Wie feiern das Fest schon wegen der Kinder genauso, wie es eben in Deutschland gefeiert wird, also mit Weihnachtsbaum, Geschenken und Gänsebraten. Die Familie und Freunde kommen, man besucht sich - wir machen das also richtig nach. Im Iran feiern wir im März das Neujahrsfest zum Frühlingsanfang. Das ist so ähnlich wie Weihnachten. Dann wird 13 Tage lang gefeiert. Auch dann gibt es Geschenke, Familienbesuche und gutes Essen. Was die Religion angeht - wir glauben auch an Jesus und ich gehe manchmal zur Kirche und bete dort. Die Jesus-Geschichte finde ich sehr schön, besonders für Kinder, denn die Seele braucht eine religiöse Anbindung. Was ich mir zu Weihnachten wünsche? Viel Glück!

George Okoth kommt aus Kenia. Er lebt seit 2001 in Bremen und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bremer Uni. Er ist mit einer deutschen Frau verheiratet und hat ein Kind: "Besonders schön war mein erstes Weihnachtsfest in Bremen mit geschmücktem Baum und allem Drum und Dran. Als Christ feiere ich Weihnachten mit meiner Familie so, wie die meisten anderen hier. In meiner Heimat feiern wir Weihnachten etwas anders. Das hängt damit zusammen, dass die Glaubensgemeinschaft, der ich angehöre, annimmt, Weihnachten ist nicht wirklich der Geburtstag von Jesus. Ich bin in Glaubensfragen aber in keiner Weise fanatisch. Ich glaube einfach an Gott, habe kein Problem mit anderen Religionen und freue mich auf die Feiertage. In diesem Jahr wünsche ich mir besonders Ruhe! Einen Tag für mich ganz alleine!"

Giovanna Galan lebt seit etwa zwölf Jahren in Bremen. Sie begreift sich als Agnostikerin. Zwar wurde sie in Mexiko katholisch getauft, kam aber im Laufe ihres Lebens über innere Auseinandersetzungen mit der kirchlichen Ausrichtung ihrer Eltern an einen Punkt, an dem sie die Idee von einem Gott weder absolut akzeptieren, noch ablehnen konnte. Für sie gibt es bei der Religion keinen Absolutheitsanspruch. "Manche Agnostiker tendieren mehr zum Atheismus, andere wiederum meinen, dass sie die Existenz eines Gottes genauso wenig beweisen, wie widerlegen können. Bei mir ist es so, dass ich denke, es gibt vielleicht ‚irgend etwas'. In dem Sinne sehe ich mich als Agnostikerin, die aber Respekt vor der Haltung gläubiger Menschen hat. Weihnachten ist angeblich das Fest der Geburt von Jesus Christus. Ich persönlich respektiere Jesus als historische Gestalt, als Symbol oder Lehrer, denn was er der Menschheit als Botschaft hinterlassen hat, ist die Nächstenliebe und das finde ich toll. Ich verbinde das alles aber nicht nur mit Weihnachten, denn heutzutage ist Weihnachten eigentlich nur ein Trip für die Konsumgesellschaft und das nicht nur in Deutschland, sondern fast überall in der Welt".

Zu Weihnachten wünscht sich Giovanna Galan die Fähigkeit, stets gelassen zu bleiben sowie die Fähigkeit fröhlich, dankbar und gesund sein zu können. Und für die Menschen dieser Welt, unabhängig von ihrer Religion, wünscht sie sich die Erkenntnis aller, dass die einzige Chance für eine friedliche Koexistenz auf Toleranz und Frieden basiert. Dem kann man sich eigentlich nur anschließen. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!


Beate Wiemers

Der Artikel umfasste ca. 8400 Zeichen und erschien im Stadtmagazin MIX (Bremen) im Dezember 2005.

Menschenwürde

Eines Menschen Zeit

Im Mai 2002 wurde am Klinikum »Links der Weser« eine Palliativstation eröffnet. Unter Palliativmedizin ist die Behandlung von Menschen mit einer fortgeschrittenen Erkrankung zu verstehen, die nach schulmedizinischen Kriterien als nicht mehr heilbar eingeschätzt wird. Das Lindern von Leiden steht bei diesem Zweig der Medizin im Vordergrund. Eine Station dieser Art ist keine Hospiz-Einrichtung im Sinne von Sterbebegleitung. Der Fokus des Mitarbeiterteams ist hier darauf gerichtet, Menschen in ihrem oft leidvollen Prozess lebensbejahend zur Seite zu stehen.

Krankheit, Leiden, Tod – Themen, die gerne ausgeklammert werden in einer Gesellschaft, in der die Aufmerksamkeit oft nur auf Äußerlichkeiten gerichtet ist. Statt zu integrieren, was zum menschlichen »Stirb´ und Werde« gehört und bei Naturvölkern fester ritueller Bestandteil des Zusammenlebens ist, gibt es in den Industrienationen zuweilen die Tendenz, zu verdrängen, wegzusehen, abzuspalten. Anders auf der Palliativstation des Klinikums »Links der Weser«: Auf dem Weg durch mehrere lange Krankenhausgänge zeigen sich dem Besucher zunächst gewohnte Bilder eines Krankenhausalltags. Dann eine Treppe, einige Stufen hinab und die Wahrnehmung ist plötzlich eine andere. Hier sieht es gar nicht mehr so sehr nach Krankenhaus aus: Ein wohnliches Ambiente, liebevolle Details in Form von Dekorationen und gemütlichen Rückzugsmöglichkeiten als Zeugnis für die Bereitschaft, es den Patienten und Angehörigen so angenehm wie möglich zu machen.

Das Anliegen

Die Palliativstation strebt die bestmögliche Behandlung des schwer erkrankten Menschen an. Psychosoziale Probleme finden Beachtung und Betreuung. Das multidisziplinäre Team (ÄrztInnen, Pflegende, SeelsorgerInnen, PhysiotherapeutInnen, eine Sozialarbeiterin, eine Musiktherapeutin sowie ehrenamtlich Tätige) arbeitet eng zusammen und hat somit die Möglichkeiten und das Ziel, individuell auf jeden Patienten einzugehen. Auch die Angehörigen werden einbezogen. Die Erhaltung oder die Verbesserung der Lebensqualität sowie die Fürsorge für die von Krankheit Betroffenen bestimmen das Handeln aller Mitarbeiter.

Die Station verfügt über acht wohnliche Einzelzimmer, die alle behindertengerecht ausgestattet sind. Angehörige können auf Wunsch im Patienten- oder Angehörigenzimmer übernachten. Zwei helle Aufenthaltsräume, eine Kinderspielecke und eine Küche, die von Patienten sowie den Angehörigen genutzt werden kann, gehören dazu. Sogar für das sehr legitime, aber bei Kranken doch oft vernachlässigte Bedürfnis nach körperlicher Nähe ist Zeit und Raum da: Wenn Patienten mit ihrem Partner noch einmal gemeinsam baden oder duschen möchten, ist das in einem entsprechend ausgestatteten Badezimmer möglich. Dadurch sind die Voraussetzungen geschaffen, Körperlichkeit auch in dieser Lebensphase nicht auszuklammern.

Das Gespräch

Elke-Sofie Glenk ist Sozialarbeiterin und arbeitet in einer eigens dafür geschaffenen Stelle, die sich Brückenpflege (ausschließlich auf der Palliativstation) nennt. Sie sprach mit dem MIX über das Besondere an der Arbeit in diesem Bereich.

MIX:

Mit welchen Diagnosen kommen Menschen zu Ihnen?

E.-S.G:

Wir betreuen Patienten mit schnell fortschreitenden Tumorerkrankungen, neurologischen Erkrankungen, wie Multipler Sklerose oder ALS, AIDS- und Mukoviszidose-Erkrankte, deren Symptome ambulant nicht oder nicht mehr behandelbar sind.

MIX:

Ein Schwerpunkt Ihrer Aufgaben liegt im Bereich der Entlassungen. Das überrascht zunächst angesichts der Tatsache, dass hier unheilbar kranke Menschen behandelt werden. Können Sie das erklären?

E.-S.G:

Bei uns geht es erst einmal darum, Symptome zu lindern. Dazu gehören in erster Linie Schmerzen, aber auch Übelkeit, Durchfall und Erbrechen u.a.. Die Menschen kommen in der Regel aufgrund einer Krankenhauseinweisung. Das ist gerade der Unterschied zum Hospiz, wo es eher darum geht, Sterbebegleitung zu leisten. Im Einzelfall raten wir Patienten sogar, ins Hospiz zu gehen. Im Gegensatz zu einigen anderen Stationen eines Krankenhauses ist es auch nicht unser Ziel, Leben klinisch zu verlängern. Es kommt aber immer wieder vor, dass Patienten wieder nach Hause möchten und auch können. Dann ist innerhalb kürzester Zeit eine Menge zu organisieren. Dazu gehört, den Angehörigen zu zeigen, wie sie mit Schmerzmitteln umgehen müssen, der Pflegedienst muss organisiert werden, ein geeignetes Bett für zu Hause muss her und andere Hilfsmittel – einfach Dinge, die von heute auf morgen zur Verfügung zu stehen haben. In so einem Fall läuft hier alles auf Hochtouren. Manche kommen aber auch zurück, wenn die Symptome wieder auftreten.

MIX:

Wie ist Ihre Erfahrung mit den Angehörigen in einem solchen Fall?

E.-S.G:

Für manche Angehörigen ist es einfach so, dass sie die Kranken oft schon über lange Zeit begleiten. Dann ist es ihnen lieber, wenn die Patienten hier bleiben, weil sie einfach mit ihren Kräften am Ende sind. Das Vertrauensverhältnis zu den Familien ist auch so gut, dass auf alle Bedürfnisse eingegangen wird, ob das Massagen sind oder Einreibungen oder vergleichbare Anwendungen.

MIX:

Trotz des »Entlassungscharakters« der Station sterben hier Menschen. Was geschieht dann?

E.-S.G:

Wir versuchen, das zusammen mit den Angehörigen zu regeln. Wenn die Patienten nachts sterben, bemühen wir uns zu erreichen, dass sie erst am nächsten Tag gegen Mittag von unserer Station abgeholt werden. Nach Möglichkeit sollen die Angehörigen ein Beerdigungsinstitut beauftragen. Wenn jemand gestorben ist, lassen wir für ihn oder sie 24 Stunden eine Kerze brennen, auch dann, wenn dieser Mensch vom Beerdigungsinstitut schon abgeholt worden ist.

MIX:

Welche Fragen bewegen die betroffenen Menschen in dieser Lebensphase? Haben sie Angst?

E.-S.G:

Das ist unterschiedlich. Meine Vermutung ist, dass Menschen ihr Leben in etwa so beenden, wie sie es gelebt haben. Manche haben gar keine Fragen, andere stellen sich Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach dem, was danach kommt. Wieder andere möchten unbedingt noch viele Dinge regeln, ob finanzieller oder zwischenmenschlicher Art. Die Fragen, die sich Menschen in dieser Phase des Lebens stellen, sind also sehr verschieden. Wie auch immer die »Wahrheit« des jeweiligen Patienten ist, begleiten wir jeden individuellen Weg. Und was die Angst angeht, ist es ähnlich. Manche haben Angst, gläubige Menschen eher nicht. Andere sagen, sie haben Angst vor dem Sterben, aber nicht vor dem Tod. Auch der Umgang mit der Angst vor dem Tod hat damit zu tun, wie jemand sein Leben gelebt hat.

Die Eindrücke

Dieser Ort strahlt etwas Besonderes aus: Es ist der Einsatz von Menschen, die ihre Arbeit als das begreifen, was sie ursprünglich sein sollte, nämlich »Dienst-Leistung«, eine Eigenschaft oder besser eine Tugend, die nicht immer, aber häufig in einem System rationalisierter Standardtherapien zu kurz kommt. Praktizierte Menschlichkeit und Nächstenliebe sind Umschreibungen für das, was hier erlebbar ist. Heilung der physischen Leiden können Patienten, die einmal hier sind, kaum noch erfahren, bestenfalls Linderung. Dennoch ist eine andere »Heil-ung« oft noch möglich. Durch die Zuwendung der Menschen und die wohlwollende Atmosphäre kann durchaus etwas »heil« werden.

Beim Verlassen der Palliativstation lenkt ein Bild die Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde von einer Frau wenige Tage vor ihrem Tod gemalt. Ein Herz, in kräftigen Farben gemalt, ist darauf zu sehen. Und ein Satz steht dabei; vielleicht einer der letzten Sätze, die diese Frau in ihrem Leben gesprochen hat: »Liebe kann alles heilen!«

Beate Cotok

Der gesamte Artikel umfasste ca. 8600 Zeichen und erschien im Stadtmagazin MIX (Bremen) im Februar 2004.

Die Schattenseiten der Festtage

Tierisches Leid

Alle Jahre wieder bringen die Feiertage nicht nur Besinnliches und Friedvolles mit sich: Stress beim Geschenkekaufen und Fragen in Bezug auf den Speiseplan. Endlich ist es dann so weit! Während die Weihnachtsgans im Ofen gart und »am Weihnachtsbaume die Lichter brennen«, klingt aus heimischen Wohnzimmern »Stille Nacht, heilige Nacht«. Doch wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Den Preis für den Festtagsstandard vieler Menschen zahlen nämlich ebenfalls »alle Jahre wieder« jene, die sich selbst kein Gehör verschaffen können – die Tiere.

Wer das TV-Programm der Feiertage studiert, stößt dort meist auf Filme wie »Schweinchen Babe«, »Stuart Little«, »Chicken Run« oder andere beliebte Produktionen für Familien, in denen Tieren etwas Menschliches eingehaucht wurde. Ganz normal wirkt es dann, wenn Tiere Gefühle zeigen und sich wie Menschen verhalten. Da kullert schon mal eine Träne, wenn das niedliche Schweinchen Babe seine Familie verlassen muss. Doch mit der Sentimentalität ist es meist schnell wieder vorbei, sieht sich die Spezies Mensch auf dem Wochenmarkt vor die Wahl gestellt, für Bio-Eier von glücklichen Hühnern ein paar Cent mehr zu bezahlen als für Eier aus der Legebatterie.

»Wenn du das Ende von dem erreichst, was du wissen solltest, stehst du am Anfang dessen, was du fühlen solltest« (Khalil Gibran).

Gänsemast

Es gibt Menschen, für die Gänseleberpastete obligatorisch ist, wenn es um üppige Mahlzeiten an Feiertagen geht. Für 1 kg Leber werden 50,-- bis 130,-- € verlangt. Doch für die Gänse ist der Preis noch höher. Sie bezahlen für die »Delikatesse« mit einer gewaltvoll hervorgerufenen Fettleber durch Zwangsmast. Die Mägen der Tiere werden mehrmals täglich durch große Metallrohre mit Futterbrei gefüllt. Das ständige Einführen der Rohre verursacht neben Verletzungen an Schnabel und Speiseröhre auch Infektionskrankheiten, die dann mit Antibiotika behandelt werden. Die Quittung bekommt also letztendlich wieder der Gourmet, wenn er sich mit der Pastete gleich eine Dosis Penicillin einverleibt. Kommt da nicht Schadenfreude auf?

Für die Stopfleberproduktion durchlaufen etwa 14 Millionen Enten und Gänse in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Israel und den USA diese qualvolle Prozedur. In Polen, früher einer der Großproduzenten, ist das Gänsestopfen seit 1998 nach dem dortigen Tierschutzgesetz übrigens verboten. Was dort machbar war, lässt sich leider nicht flächendeckend durchsetzen, denn das EU-Parlament und die EU-Kommission konnten trotz eindeutiger Beweise keine Anhaltspunkte für tierschutzwidrige Praktiken in der Gänsemast finden. So ist ein Einfuhrverbot von Stopflebern und –produkten für Deutschland als EU-Mitglied unmöglich.

Hühnerhaltung


Noch immer vegetieren über 35 Millionen Legehennen in den Käfiganlagen der Agrarindustrie dahin. Wie die Gurken im Glas fristen sie eng an eng ihr Dasein und können in keiner Weise ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben. Ihre gesamte Existenz ist nur durch Leid gekennzeichnet. Wer zumindest einen kleinen Beitrag zu besseren Lebensbedingungen von Tieren leisten möchte, sollte daher unbedingt Bioeier wählen. Auch der Begriff »Eier aus Bodenhaltung« ist reine Schönfärberei, denn die Lebensbedingungen dieser Hühner sind kaum besser als die in der Legebatterie.

Aufschluss über die Haltung der Tiere gibt die erste Zahl des Stempels auf Eiern. Die »0« steht für ökologische Haltung, die »1« für Freilandhaltung, die »2« für Bodenhaltung und die »3« für Käfighaltung. Wer bei seinem Lebensmittelhändler Eier ohne ausreichende Kennzeichnung entdeckt, sollte protestieren und gegebenenfalls das zuständige Lebensmittelaufsichtsamt informieren. Direktvermarkter müssen ihre Eier (noch) nicht kennzeichnen. Es sollte für den Verbraucher aber nachvollziehbar sein, wie die Hühner gehalten werden.

Fische

Ob es um den Silvesterkarpfen zum Essen oder das Aquarium mit Zierfischen als Geschenk geht - auch in diesem Bereich ist »Leistungssteigerung statt Tierschutz« das Motto. Neben Karpfen werden bereits Forellen, Lachse, Welse, Schmerlen und Goldfische mit menschlichen Wachstumshormonen und Ratten-Genen manipuliert. Diese »transgenen Fische« wachsen schneller und werden, was bei Speisefischen erwünscht ist, deutlich schwerer als ihre vergleichsweise unbehelligten Artgenossen. Ratten-Gene? Na dann: Guten Appetit!

Seit »Findet Nemo« sind Zierfische auch wieder angesagt. In jedem siebten bis achten Haushalt steht ein Aquarium. Ein großer Teil der Aquarienfische verendet schon nach kurzer Zeit qualvoll. Das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (Adresse siehe Info-Kasten) hat eine Broschüre zu den Mindestanforderungen in Bezug auf die Haltung von Zierfischen erarbeitet, die kostenlos angefordert werden kann.

Tiere als Geschenke

Es gibt Geschenke, die sind in jeder Generation beliebt. Dazu gehören Kinderbücher wie »Pippi Langstrumpf« und Kuscheltiere. Aber auch »richtige Tiere« stehen immer wieder auf den Wunschzetteln. Dagegen ist auch zunächst nichts einzuwenden, denn das Zusammenleben von Tier und Mensch kann bereichernd sein. Allerdings geben Eltern oft zu schnell nach, wenn die lieben Kleinen fasziniert vor Käfigen mit Meerschweinchen, Kaninchen und Vögeln stehen. Fragen über eine angemessene Haltung, sofern es die in Käfigen überhaupt gibt, werden im Vorfeld in vielen Fällen nicht ausreichend gestellt.

Und da viele übersättigte Kinder immer neue Reize brauchen und sich an Spielzeug mit kurzer Lebensdauer gewöhnt haben, ist das Interesse am Hamster oder Hündchen oft genauso schnell erlahmt, wie am neuen Computerspiel. Dann landen die Tiere schon kurz nach den Feiertagen im Tierheim oder, was noch schlimmer ist, sie werden irgendwo ausgesetzt. Der Zustand solcher Wesen ist manchmal erschreckend: verwahrlost, unterernährt und krank. Also: Vor dem Kauf eines Tieres gut überlegen, ob das Kind oder die Familie in der Lage ist, einem Tier auf Dauer ein Zuhause zu geben. Welche Bedürfnisse hat das gewünschte Tier? Erlaubt der Mietvertrag das Halten von Haustieren? Bestehen Tierhaarallergien? Ist das Wunschtier ein Gruppentier oder kann es alleine gehalten werden? Können diese Fragen nicht zufrieden stellend beantwortet werden, ist ein Kuscheltier aus Stoff sicher die bessere Wahl. Wenn ein Kind tatsächlich als verantwortungsbewusster Tierhalter in Frage kommt, kann es grundsätzlich auch ein Tier aus dem Tierheim sein. Allerdings geben viele Tierheime vor Weihnachten keine Tiere für »Überraschungsgeschenke« ab, um unüberlegte Käufe zu vermeiden. Von Astrid Lindgren stammt übrigens folgender Satz: »Man kann in die Tiere nichts hineinprügeln, aber man kann manches aus ihnen herausstreicheln«.

Die Verbraucher haben die Macht


Immer wieder sorgen Skandale über Tierquälerei und die Folgen der Massentierhaltung für Bestürzung, bis sie einige Tage später wieder aus den Schlagzeilen verschwunden sind. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Wer mag auch an der Wurstbude auf dem Weihnachtsmarkt an BSE denken? Und nicht jeder hat den Ehrgeiz, vegetarisch zu leben. Doch der Grundsatz »Weniger ist mehr« kann schon helfen, um alternative Betriebe zu unterstützen.

Wem Tierschutz am Herzen liegt, der sollte nicht nur beim Essen auf die Herkunft achten sondern auch bei anderen Produkten aus Tieren, wie Kosmetika und Kleidung.

Wer ein ausgesetztes Tier findet, wendet sich am besten ans Tierheim oder, falls dort niemand erreichbar ist, an die Polizei. Dort wird dafür Sorge getragen, dass ein Tier in einem Tierheim untergebracht wird. In erster Linie geht es hier um Hunde, da bei streunenden Katzen nicht so leicht nachvollziehbar ist, ob sie ausgesetzt wurden. Bei verletzten Tieren sollte über die Telefonnummer 12211 der Tierärztliche Notdienst informiert werden.

What a wonderful world this could be

So heißt der Refrain in einem Popsong. Und da zum Jahreswechsel immer gute Vorsätze gehören, mag noch ein Zitat zum bewussteren Umgang mit Tieren eine Anregung sein:

»Die vermeintliche Rechtlosigkeit der Tiere, der Wahn, dass unser Handeln gegen sie ohne moralische Bedeutung sei, dass es gegen die Tiere keine Pflichten gäbe, ist geradezu eine empörende Rohheit und Barberei. Erst wenn jene einfache und über alle Zweifel erhabene Wahrheit, dass die Tiere in der Hauptsache und im Wesentlichen ganz dasselbe sind wie wir, ins Volk gedrungen sein wird, werden die Tiere nicht mehr als rechtlose Wesen dastehen. Es ist an der Zeit, dass das ewige Wesen, welches in uns ist und auch in allen Tieren lebt, als solches erkannt, geschont und geachtet wird« (Albert Schweitzer).

Beate Wiemers

Der gesamte Artikel umfasste ca. 8600 Zeichen und erschien im Stadtmagazin MIX (Bremen) im Dezember 2004.

Armut in Bremen

Ziemlich arm dran!

Die Arbeitnehmerkammer legt seit 2002 im jährlichen Rhythmus einen Bericht zur Entwicklung der Armut in Bremen vor, um darauf aufmerksam zu machen, dass das Ausmaß moderner Armut zu einem zentralen und erschreckenden Phänomen des Gemeinwesens geworden ist. Der Schwerpunkt des Berichtes 2002 war »Kinderarmut«, 2003 war es »Armut trotz Arbeit.« Trotz großer Resonanz von Seiten der Medien hat sich das Armutsproblem jedoch keineswegs entschärft. Seit Ende Oktober liegt nun der Armutsbericht 2004 mit dem Schwerpunkt »Armut und Gesundheit« vor, der entweder von der Homepage www.Arbeitnehmerkammer.de heruntergeladen oder in der Bürgerstraße 1 abgeholt werden kann.

Mit der Armut ist es wie mit der Krankheit. So etwas trifft immer nur die anderen. Das gilt allerdings nur, solange man nicht selbst betroffen ist. Und das kann inzwischen fast jedem passieren, denn Armut ist kein Randgruppenproblem mehr. Umso wichtiger ist es, nicht die Augen zu verschließen und den heutigen Opfern der Armut gegenüber Solidarität zu bekunden. Handlungsbedarf besteht in erster Linie auch in der Politik, damit die Hypothek »Armut« nachhaltig überwunden werden kann.

Reich und Arm

Reiche werde immer reicher und Arme immer ärmer. Die Situation ist im Vergleich zu den Vorjahren deutlich schlechter geworden. »Die Gesellschaft polarisiert sich, die Stadtgesellschaft erst recht. Sowohl das Reichtums- als auch das Armutssegment bilden sich stärker heraus. Vor allem aber entfernen sich diese Segmente immer weiter voneinander, werden miteinander immer kommunikationsunfähiger. Die Stadt zerreißt. Alle Bremer Kennzahlen, an denen sich Armutsentwicklung ablesen lässt, haben sich zum Teil dramatisch verschlechtert«, so Klaus Jakubowski, Referent für Sozialpolitik der Arbeitnehmerkammer in Bremen.

Während auf der einen Seite Szenecafés mit üppigen Buffets aus dem Boden sprießen, stehen Arme in den Räumen caritativer Essensausgabestellen Schlange. Auch Kinder holen sich hier eine warme Mahlzeit ab, weil es zu Hause nichts mehr gibt. »Das wird noch Tumulte geben! Lange dauert es nicht mehr, bis die Armen bei den Reichen auf der Matte stehen, um sich ein paar Haferflocken zu erbetteln«, so eine Betroffene auf dem Bremer Hauptbahnhof.

Panikmache oder nüchterne Fakten?

Die Zahl der Sozialhilfebezieher ist 2003 in Bremen um 256, in Bremerhaven um 2128 Personen gestiegen. Besonders Besorgnis erregend ist die Zahl der bedürftigen Kinder und Heranwachsenden. Laut Jürgen Volkert, Armutsexperte des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen, sind bundesweit etwa 37 Prozent aller Bezieher von laufender Hilfe zum Lebensunterhalt Kinder. Stark betroffen sind auch Alleinerziehende. Wenn ein Einkommen wegfällt, steigt das Armutsrisiko rapide. Es fehlt nicht nur der Familienlastenausgleich, sondern auch fehlende oder zu geringe Unterhaltszahlungen der Väter, Probleme mit der Kinderbetreuung und Nachteile bei der Arbeitsaufnahme.

Die Zahl derer, die ihr Dach über dem Kopf ohne den Bezug von Wohngeld nicht mehr finanzieren können, steigt ebenfalls. Darunter sind nicht nur Sozialhilfeempfänger, sondern erwerbstätige Menschen. Anträge auf Wohngeld ohne oder mit ergänzender Sozialhilfe sind um 11,6 Prozent gestiegen. Dazu kommen private Pleiten und Insolvenzen. Die SCHUFA meldet für Bremen eine Zunahme der Zahlungsstörungen zwischen 1999 und 2002 um 59 Prozent. Verbraucherinsolvenzen beim Amtsgericht Bremen sind von 559 im Jahre 2002 auf 912 im Jahre 2003 gestiegen.

Natürlich ist auch die Arbeitslosigkeit eine zentrale Ursache von Armutsprozessen in Bremen. Im Jahre 2003 sind die Zahlen gegenüber 2003 erneut um 1883 auf 42.415 gestiegen mit einer starken Zunahme des Anteils der Langzeitarbeitslosen. Die Zahl der Arbeitssuchenden steigt weiterhin parallel zu sinkenden Angeboten von Arbeitsplätzen. Auch Ausländer und Behinderte zählen zu den stark von Armut betroffenen Gruppen, denn geringere Einkommen führen zu einer niedrigeren Absicherung.

Lieber reich und gesund als arm und krank

Über den alten Spontispruch mag mancher, dem das Wasser bis zum Halse steht, nur müde lächeln. Gesundheit wird bei sinkender Lebensmittelqualität, sinkenden Leistungen der Krankenversicherer, schlechteren ökologischen Bedingungen und steigenden Kosten für qualitativ gute Nahrungsmittel für alle teurer. Wer gut verdient, mag seinen Lebensstandard noch eine Weile halten können. Für jene, die arm sind, verschärft sich der Teufelskreis.

Mangelhafte zahnmedizinische Versorgung, unzureichende Ernährung und eine auf das Notwendigste reduzierte medizinische Betreuung lassen Arme meistens auch noch zu Kranken werden. Dadurch wird die Chance, wieder auf die Beine zu kommen, noch geringer. Wer arm und krank ist, fällt gnadenlos durch das immer lückenhafter werdende soziale Netz.

Armut – eine Frage der Verteilung


Wer materiell auf der Sonnenseite des Lebens steht, lässt sich nur ungern etwas wegnehmen. Das ist ein Aspekt des menschlichen Charakters. Der menschliche Charakter hat aber auch noch andere Facetten. Dazu gehören Eigenschaften wie Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft zum Teilen.

Solange die Politiker als Lobby des Kapitals die Lasten der globalen Standortkonkurrenz auf die Erwerbslosen abwälzen, wird sich die Situation nicht maßgeblich verbessern. Und solange Großunternehmern Tür und Tor geöffnet werden, um Steuern zu sparen, während der Mittelstand in die Knie gezwungen wird, setzt sich die Polarisierung fort. Das soziale Klima wird dadurch nicht besser.

Engagement ist gefragt

Doch auf die Politik zu schimpfen ist eine Sache, selbst aktiv werden eine andere. Ob im privaten Rahmen durch Offenheit und die Bereitschaft, einmal spontan durch Spenden oder eine ehrenamtliche Tätigkeit zu helfen oder aber im öffentlichen Rahmen durch die Teilnahme an Diskussionen und Demonstrationen – Engagement ist immer etwas, das jeder leisten kann. Zum Thema »Mangel trotz Überfluss« finden übrigens am Do. 18.11. im Bürgerhaus Mahndorf (Mahndorfer Bahnhof 10) um 19.00 Uhr und am Di. 23.11. im Gustav Heinemann Bürgerhaus (Vegesack, Kirchheide 49) um 19.30 Uhr Diskussionsveranstaltungen statt.

Betroffene finden im Info-Kasten Adressen von Anlaufstellen, bei denen es kurzfristig unbürokratische Hilfe in Form von Essen, einer Unterkunft, einer warmen Dusche oder Kleidung gibt. Bremer Bürger, die gut erhaltene und saubere Kleidung und Schuhe (auch für Kinder) spenden möchten, können die Sachen – nach vorheriger telefonischer Anfrage - bei den meisten der erwähnten Adressen abgeben. Noch eine Bitte an Händler aus dem Lebensmittelbereich: Ware, die nicht mehr verkauft werden kann, aber noch genießbar ist, wird gerne vom Verein Bremer Tafel e.V. (siehe Info-Kasten) abgeholt.

No way out?

Muss Armut akzeptiert werden? Das hängt von der Bereitschaft zur Armutsbekämpfung aller Beteiligten und den Wertvorstellungen innerhalb der Gesellschaft ab. Schätzungen zufolge reichten etwa 1 Prozent des Bruttosozialproduktes aus, um Armut effektiv zu bekämpfen. Die Finanzierbarkeit steht daher nicht zur Diskussion. Erfahrungsgemäß steigt die Wahlbeteiligung einer Gesellschaft, je höher die Einkommen sind. Bei vielen Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern sinkt wiederum die Wahlbeteiligung und somit die politische Einflussnahme. Die Armen haben keine Lobby und die Motivation, aus eigener Kraft einen Weg aus ihrer Misere zu suchen, ist oft gering. Suchtverhalten und Schulden sind oft erschwerende Faktoren, um einen Ausweg zu finden. Wenn Gelder gekürzt werden, dann meist dort, wo der Widerstand im politischen Bereich gering ist.

Hilfe zur Selbsthilfe ist daher gefragt, um betroffenen Menschen einen Weg aus der Resignation aufzuzeigen und ihnen Mut zu machen. Was kann dennoch gut an schlechten Zeiten sein? Dass Menschen wieder aufeinander zugehen, sich helfen, ins Gespräch kommen und dabei feststellen, dass das äußerlich trennende Materielle etwas überdeckt, das eigentlich alle verbindet: das Menschsein.

Beate Wiemers

Der gesamte Artikel umfasste ca. 8000 Zeichen und erschien im Stadtmagazin MIX (Bremen) im November 2004.

Wie ehrlich sind wir eigentlich?

Hand auf´s Herz: es passiert einem doch zuweilen! Die kleine Ausrede, das verlegene Ausweichen, der ironische Kommentar als Alternative zum ehrlichen Ausdruck dessen, was man denkt und fühlt. Oder geht Ihnen das nicht so?

Von Beate Cotok

„Na, das hast du ja mal wieder prima hingekriegt“, - die Vase von Tante Edeltraut liegt als Scherbenhaufen auf dem Boden. Der 5-jährige Florian schaut betreten weg, fragt sich aber, wieso das nun wohl „prima“ sein soll, wo die Mutter doch ganz wütend zu sein scheint!

Oder diese Variante: Endlich Feierabend! Papi hat sich auf´s Ausruhen gefreut, denn im Büro ging es mal wieder drunter und drüber. Da klingelt das Telefon! Papi raunt hinter der Zeitung kaum aufschauend leicht genervt zur 7-Jährigen: „Geh Du mal bitte ´ran, Mäuschen! Wenn das der Herr Kaiser, mein Chef ist, sag ihm bitte, ich bin nicht da“. Die Tochter kennt das Spielchen bereits und ist in ihrer Rolle als „Komplizin" bühnenreif. In ihrem Alter hat sie schon durch-
schaut, dass sich Erwachsene ganz gerne mit solchen Ausreden aus der Affaire ziehen.

Wie ist es damit: So ein Pech! Da ist doch glatt ein Kratzer auf die neue CD gekommen, die der Papa der Mama zum Geburtstag geschenkt hat. CD´s eignen sich eben doch nicht so optimal als Bumerang, muss der kleine Tobias feststellen. Nach anfänglichem Missmut über das Malheur leuchten Mama´s Augen jedoch auf: „Bestimmt hat Papa noch den Bon, - dann kann er doch sagen, dass der Kratzer schon vorher da gewesen sein muss und versuchen, die CD umzutauschen!“

Was im ersten Beispiel „nur“ Ironie war, ist sicher von einem Kind nicht immer als solche erkennbar, da Kinder die feinen Nuancen der Sprache sowie die Macht der Worte erst einmal lernen müssen. Vielleicht ist Ironie manchmal auch eine Vorstufe von Zynismus. Zynismus wiederum zeugt zwar zuweilen von der Ausbildung des Intellektes eines Menschen, jedoch weniger von der des Herzens....

Der gesamte Artikel umfasste etwa 4000 Zeichen und erschien in »mobile« 5/2001 (HERDER-Vlg. Freiburg)


Pippi Langstrumpf, - ein Fall für Ritalin?

Immer häufiger fallen Kinder bereits im Kindergarten oder spätestens in der Schule wegen unangepassten Verhaltens auf. Sie gelten als schwierig, verursachen Chaos, bringen Eltern, Betreuungspersonen und Lehrer auf die Palme. Hoffnungslose Fälle, wie es zunächst scheint. Um diese Kinder unter Kontrolle zu bringen, wird mit rasant steigender Tendenz zu Psychopharmaka gegriffen. Kann das die Lösung sein? Oder sind viele dieser Kinder einfach nur ausgesprochen kreativ und können ihrem Schöpfungsgeist nur durch extremes Verhalten Ausdruck verleihen? Gibt es überhaupt alternative Behandlungsmethoden?

Von Beate Cotok

ADD (Attention Deficit Disorder), ADHD (Attention Deficit Hyperactivity Disorder) sind Bezeich-
nungen für einen Komplex von Erscheinungsbildern, die sich am besten übersetzen lassen mit Aufmerksamkeitsstörungen und Konzentrationschwäche. Schon etwa 5% aller Kinder weisen derartige Erscheinungsbilder auf mit unter-schiedlich starker Ausprägung. Tendenz steigend. Häufig zeigen betroffene Kinder eine motorische Unruhe, eine herabgesetzte Hemmschwelle, unkontrollierte Aggressionsausbrüche oder aber sie erscheinen ständig träumend und abwesend. Sie akzeptieren keine Grenzen und bringen ihre Umgebung mit ihrem Verhalten zur Verzweiflung. Neben Lernproblemen haben diese Kinder oft zusätzlich Schwierigkeiten im sozialen Umgang, was die Situation für sie selbst und andere außerordentlich erschwert.

Wenden sich hilfesuchende Eltern an ihren Kinderarzt, erhalten sie dort mittlerweile meistens ein Rezept für ein Mittel mit dem Namen Ritalin. Bei diesem Mittel handelt es sich um ein Methylphenidat, das im Gehirn der aufmerksamkeitsgestörten Kinder eine Erhöhung des Botenstoffes Serotonin bewirkt. Die US-Drogenbehörde DEA hat das Medikament in die selbe Stufe der Bekämpfungsagenda wie Kokain und Methadon aufgenommen. Laut Angaben der Bundesdrogenbeauftragten Marion Caspers-Merk bekamen 1990 in Deutschland 2500 Kinder Ritalin. Heute sind es bereits 40 000 und täglich wird in Kinderarztpraxen erneut die Diagnose „ADD/ADHD“ gestellt und Ritalin verordnet.

Die Ritalin-Befürworter argumentieren dahingehend, dass andere Therapieformen erst erfolg-
versprechend wahrgenommen werden können, wenn das Kind bereits mit entsprechenden Medikamenten unterstützt wird, was in manchen Fällen zutreffen mag.

Die Hemmschwelle, auch schon sehr jungen Kindern dieses Psychopharmakon zu verschreiben, wird jedoch immer niedriger. Glaubwürdige Langzeitstudien zu diesem Mittel gibt es kaum. Es wurde bekannt, dass inzwischen sogar schon Einjährige damit behandelt werden. In den USA müssen sich teilweise Eltern einem Ritalin-Entzug unterziehen, weil sie vom Medikament ihres Kindes genascht haben. Während nämlich bei einem hyperaktiven Kind Ritalin paradoxerweise beruhigend wirkt, obwohl es ein Amphetamin, also ein Aufputschmittel ist, erleben „normale“ Erwachsene eine stimmungsaufhellende Wirkungsweise. In den USA klagen bereits einige Eltern gegen Pharmakonzerne und werfen ihnen vor, kräftig an den Symptombildern mitge-
arbeitet zu haben, um sich einen Markt für das Präparat zu schaffen, das in der Regel über Jahre eingenommen werden muss.....

Der gesamte Artikel umfasste ca. 10.000 Zeichen und erschien bei ZeT (Friedrich-Verlag, Seelze) im Januar 2002


Allein erziehend, - Horror oder Herausforderung?

Sie sind schon seit langem keine Ausnahme mehr, aber dennoch mit vielen Klischees behaftet. Wie bewältigen allein Erziehende den Alltag?

Von Beate Cotok

Die traditionellen Familienstrukturen sind im Wandel begriffen. Mehr und mehr Kinder wachsen in Ein-Eltern-Haushalten auf. Knapp zwei Millionen allein Erziehende –ca. 15% davon Väter - gibt es aktuell in Deutschland. Tendenz steigend. Trotz dieser Zahl entsteht manchmal der Eindruck, dass allein erziehenden Elternteilen – und das sind in der Regel die Mütter – ein geringerer Wert zugemessen wird als verheirateten. Wie das? so fragt man sich unwillkürlich. Was früher die Krieger-Witwen waren, sind heute die Geschiedenen oder jene, die sich von vorneherein zu dieser Lebensform entschieden haben. Nicht enthalten sind in den Zahlen des Statistischen Bundesamtes Frauen, die ihre Kinder wegen beruflicher Abwesenheit des Ehepartners ebenfalls über weite Strecken allein erziehen. Allerdings kommen auch letztere heute nicht zu Wort, da sie schon wegen ihrer wirtschaftlichen Situation nicht in die Schublade mit dem Etikett „allein erziehend“ passen.

„Allein erziehend“, - da drängt sich rasch das Klischee der stressgeplagten Sozialhilfe-
empfängerin mit ihrem unter der Situation zwangsläufig leidenden Kind vor das geistige Auge.

Doch obwohl viele Frauen in der Tat häufig einen sozialen Abstieg erleben, wenn sie sich in der Situation als Ein-Elternfamilie wiederfinden, lebt nur etwa ein Drittel der Betroffenen von Sozial-hilfe. Dabei sind wiederum geschiedene Frauen, die in der Ehe nicht erwerbstätig waren, eher von finanziellen Einbußen betroffen als diejenigen, die ohne größere Lücken im Beruf geblieben sind.

Ein weiteres Vorurteil, das die oft ambivalente gesellschaftliche Haltung gegenüber allein Erziehenden widerspiegelt, ist die Ansicht, allein Erziehende seien mit ihrer Mutterrolle unzufriedener als verheiratete. Wie die britischen Forscherinnen Woollett und Smith in einer Befragung von 32 Müttern ermittelten, kam eine weit optimistischere Einstellung der „getrennten
“ Frauen hinsichtlich ihrer Mutterrolle ans Licht als erwartet war. Denn nach einer Trennung gilt es, neue Entscheidungen zu treffen und zusätzliche, zuweilen ungewohnte Aufgaben zu übernehmen, - das kann zu neuem Selbstvertrauen führen.

„Wir haben uns die Suppe gemeinsam eingebrockt und nun muss ich sie alleine auslöffeln“ beschreibt die 39jährige Gesine K. ihr Gefühl, als sie nach zehn Jahren Ehe von ihrem Mann geschieden wurde und mit zwei Töchtern, sieben und acht Jahre alt, alleine dastand. „Es war uns finanziell stets recht gut gegangen, doch dann kam der finanzielle Einbruch. Sozialhilfe konnte ich nicht beantragen und mein Mann zahlte lediglich für die Kinder. Auf Unterhaltszahlungen für mich verzichtete ich, um das Klima durch finanzielle Streitigkeiten nicht noch zu verschärfen. Die erste Zeit war hart. Wir lebten einige Monate von Erspartem und nahmen uns eine kleinere Wohnung in einem wenig attraktiven Stadtteil. Jede Mark zählte.....

Der gesamte Beitrag umfasste ca. 9000 Zeichen und erschien in »mobile« 10/2000 (HERDER, Freiburg)


Barbara´s Eierschneider

Gedanken zum Konsumverhalten: Wenn Kindern jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird, - kann sich da eine Wertschätzung gegenüber den Dingen entwickeln?

Von Beate Cotok

Als ein Paar mit ökologischen Ambitionen, das treu und brav Pfand- statt Einwegflaschen kauft, den Müll sortiert und das Wasser nicht beim Zähneputzen ununterbrochen laufen lässt, waren wir uns schon vor der Geburt unseres Kindes einig: Das Kinderzimmer sollte nicht binnen der ersten Lebensjahre zum Spielwarensammelsurium mutieren und das Spielzeugangebot sollte sich zunächst auf wenige Teile aus verschiedenen Materialien – vorzugsweise Holz - beschränken. Schließlich hatte man genügend Haushaltsgegenstände wie Siebe, Holzlöffel, Plastikdosen zur Hand, die dem pädagogisch wertvollen und teuren Spielzeug aus dem Fachgeschäft bis zum Kindergartenalter mitunter ohne weiteres standhalten konnten. Ein mit Knöpfen gefülltes Döschen konnte als Rassel dienen, vorausgesetzt natürlich, dass die Knöpfe groß genug waren, um keine Gefahr für ein Kleinkind darzustellen.

Die Grundausstattung war lange vor der Geburt weitgehend komplett. Dabei hatten wir uns nicht ganz an die Empfehlungen in diversen Broschüren für die werdende Mutter gehalten, da wir fanden, auch ohne Stillkissen und Sterilisiergerät für Flaschen auskommen zu können.

Unser Sohn Kurt wurde geboren: Zur Begrüßung des neuen Menschen gab es von allen Seiten jede Menge Geschenke. Da zeigte sich erst, wieviele Verwandte man hatte, denn die freudige Nachricht sprach sich schnell herum und war selbst für Tante Gisela, von der man nur alle Jubeljahre hörte, Anlass für ein Päckchen inklusive obligatorischer Strampelhose und Hemdchen im Feinripp.

Schon im Laufe der ersten Lebenswochen war der neue Erdenbürger stolzer Besitzer von u.a. drei Mobiles, zwei Spieluhren und sechs Kuscheltieren.....

Der gesamte Beitrag umfasste etwa 9000 Zeichen und erschien in "mobile" 9/2001 (HERDER, Freiburg)


Kinderseele, treue Seele

Wenn Trennung weh tut, - elterliche Entfremdung durch Manipulation

Bei Kindern getrennt lebender Eltern fällt immer häufiger eine Symptomatik auf, die mit dem Begriff PAS (Parental Alienation Syndrome) umschrieben wird. Von PAS wird gesprochen, wenn es einem der getrennt lebenden Elternteile nicht gelingt, dem anderen Partner seinen Raum im Leben des Kindes zuzugestehen. Gemeint ist die elterliche Entfremdung durch Manipulation, ein Tatbestand, der allein erziehende Tagesmütter und –väter ebenso betreffen kann wie Tageseltern von Kindern allein Erziehender.

Von Beate Cotok

Gehen Eltern auseinander, ist das für Kinder eine oft traumatische Erfahrung, zumal der Entscheidung zur Trennung oft eine durch Streitereien geprägte Zeit vorangeht. In der Folge geraten Kinder leicht zusätzlich in einen Loyalitätskonflikt, wenn die Eltern das alte Spiel „Ich bin gut und du bist böse“ weiterspielen. Ein PAS kann sich bei Kindern einstellen, wenn ein Elternteil, meistens jener, der ausgezogen ist, bewusst oder auch unbewusst ausgegrenzt wird. Das kann direkt geschehen „Dein Vater ist ein Versager!“, „Deine Mutter ist eine Schlampe!“ oder indirekt, indem Geschenke vom getrennt lebenden Elternteil oder gemeinsame Freizeit-
aktivitäten mit ihm schlecht gemacht werden.

Paare haben Gründe, wenn eine Beziehung nicht mehr funktioniert. Das sind Gründe, die mit Verhaltensmustern und mit Emotionen zu tun haben. Menschliche Wandlungsfähigkeit unterliegt jedoch nicht selten dem Gesetz der Trägheit; Angewohnheiten und Emotionen lösen sich nicht in Luft auf, wenn das Gegenüber plötzlich nicht mehr da ist. Besonders wichtig ist es daher, seine eigenen Gefühle wie Verletzungen, Trauer, Wut, Rache, gekränkter Stolz und Beleidigt-
sein nicht auf das Kind zu projizieren. In einer „gesunden“ Trennungssituation beruhigen sich mit der Zeit die Gemüter und die Beteiligten machen sich bewusst, dass jeder seine Anteile am Scheitern der Beziehung zu verantworten hat. Paare, denen diese Bewusstwerdung gelingt und die ihre „Altlasten“ loslassen können, haben gute Chancen für ein Miteinander in Bezug auf die Belange des Kindes.

Eine PAS-Situation entsteht dann, wenn einer der Partner nicht loslassen kann und wie eine festsitzende Schallplatte immer wieder dem anderen die Schuld in die Schuhe schiebt. Durch offenes oder maskiertes Denunzieren des Ex-Partners wird versucht, das Kind auf die eigene Seite zu ziehen. Ein Kind gerät da schnell zwischen die Fronten, denn nach den Erfahrungen der Elterntrennung und dem Auszug eines Elternteils ist es noch beherrscht von der Angst, nun auch den anderen zu verlieren. Aus Sicherheits- und Abhängigkeitsgründen schlägt sich das Kind lieber auf die Seite des manipulierenden Elternteils. Es hat keine Wahl, aber unter der aufgezwungenen Ablehnung leben die Liebe und die Sehnsucht des Kindes nach dem anderen Elternteil weiter.

Begünstigt wird manipulatives Verhalten, wenn der aus der gemeinsamen Wohnung ausge-
zogene Partner schnell wieder eine neue Beziehung findet. Zum meist nicht verarbeiteten Trennungsschmerz gesellt sich dann Eifersucht auf seine vermeintlich bessere Situation. Manipulierende Elternteile instrumentalisieren das Kind aufgrund eigener Verlustängste. Sie begründen ihr Verhalten zwar häufig mit dem Hinweis auf ihre Liebe zum Kind, aber tatsächlich ist es weniger die Liebe, die sie so handeln lassen, sondern die eigene Bedürftigkeit, denn „Liebe lässt los, Mangel hält fest.“ Auf Kosten des Kindes werden negative Emotionen dem früheren Partner gegenüber ausgelebt und die Beeinträchtigung der kindlichen Entwicklung entweder nicht wahrgenommen oder sogar geduldet....

Der gesamte Artikel umfasste ca. 10000 Zeichen und erschien 01/2003 in ZeT, Friedrich-Verlag, Seelze


Kultur in Bremen-Ost

Der Medizinschrank

Die am 14. Mai eröffnete Ausstellung „Der Medizinschrank“ in der Galerie im Park des Zentralkrankenhauses Bremen-Ost hat noch bis zum Herbst ihre Pforten geöffnet. Es werden Exponate (medizinische Geräte und Instrumente) aus der Sammlung des Krankenhaus-Museums gezeigt. Als Relikte vorwiegend aus den Jahren 1920 bis 1950 erzählen sie von damaligen Behandlungsformen, der Entwicklung der Technik in der Medizin, aber auch vom „Handwerk“ des Arztberufes. Parallel dazu haben drei KünstlerInnen ihre Interpretationen der Themenkomplexe „Krankheit, Schmerz, Tod“ im engeren und weiteren Sinne in Szene gesetzt. Bis So. 12.10. bestehen noch reich-
lich Gelegenheiten, sich die Ausstellung anzusehen oder an verschiedenen Events im Rahmen des Programms teilzunehmen.

Von Beate Cotok

Das Gelände um das Zentralkrankenhaus Bremen-Ost hat Tradition als Ort für kulturelle Highlights. Das ist auch der Leiterin des Bremer Kulturamtes, Margit Hohlfeld, bewusst: „Das Kulturressort verfolgt mit großer Aufmerksamkeit das hochinteressante Kulturangebot, das auf dem Gelände des Zentralkrankenhauses Bremen-Ost für die Öffentlichkeit in diesem kulturell nicht gerade „überversorgten“ Stadtteil regelmäßig angeboten wird, und vor allem, auf welch hohem künstlerischen und intellektuellem Niveau die Kultur-macher dies immer wieder schaffen.“

Die Besonderheit der Arbeit der drei Kulturprojekte im Klinikpark - Haus im Park, Galerie im Park und Krankenhaus-Museum - besteht in der Auseinandersetzung mit „schwierigen“ Themen, die rund um Krankheit, Tod, Fremdsein, Sinnhaftigkeit kreisen. An keiner anderen Stelle in der Stadt wird, so die Kulturamtsleiterin, „so intensiv, unprätentiös, selbstverständlich, ja spielerisch, damit umgegangen.“

Über´s Kranksein

„Die Krankheit von heute ist nichts anderes als die Übertretung der Naturgesetze von gestern“ lautet ein altpersisches Sprichwort. Naturgesetze wurden seit Menschengedenken übertreten und werden es heute wie selten zuvor. Wurde früher noch strafenden Göttern oder Dämonen die Schuld in die Schuhe geschoben, erkannte man im Altertum bereits, dass Krankheit etwas mit Unordnung zu tun hatte. Krankheit als Sprache der Seele, Krankheit als Folge von Umweltbe-
lastungen und Stress? Durch welche Ursachen Krankheit auch immer entsteht, - die Art und Weise ihrer Behandlung ist eng verzahnt mit dem jeweils vorherrschenden Status in der Medizin. Die in unserer Zeit vorherrschende biochemischmechanistisch orientierte Medizin richtet ihr Augenmerk eher auf Symptome als auf Ursachen. Von „Apparatemedizin“ wird gesprochen, Menschen werden auf Medikamente „eingestellt“. Eine Terminologie, die den Umgang mit kranken Menschen repräsentiert. Die Medizin erfährt einerseits eine immer rasantere technische Entwicklung, andererseits wird sie sich angesichts des miserablen Gesundheitszustandes der Menschen und der starken Zunahme chronischer Krankheiten mehr denn je ihrer Grenzen bewusst....

Der gesamte Artikel umfasste ca. 8.500 Zeichen und erschien im MIX (BREMEN) m Juli 2003


Theater-Jubiläum

Die bremer shakespeare company

Im September 1983 beschlossen sieben Schauspieler, eine freie Theatergruppe zu gründen, die sich den Werken William Shakespeares und der Spielweise des elisabethanischen Volkstheaters annehmen sollte. Idealisten, die sich ihrer Grenzen bewusst waren und doch zuweilen Grenzen überschritten. »Nur wer sich wandelt, bleibt sich treu« könnte das Motto der bremer shakespeare company anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens sein. Doch wie überall, wo Menschen zusammenarbeiten, gab es Wechselfälle und Veränderungen. Einige gingen, andere kamen, was der Company in der Essenz nicht nachhaltig geschadet hat, denn sie gehört heute mehr denn je zum »Inventar« der Stadt und kann auf 37 Shakespeare-Inszenierungen und 28 Uraufführungen zurückblicken.

Von Beate Cotok

Wie alle Geburtstage wird auch der 20. des Theaters am Leibnizplatz gefeiert. Und wie zu allen Geburtstagen gehören auch Geschenke dazu: »Shakespeare in Trouble«, die zurzeit dargebotene Produktion von Chris Alexander und Hille Darjes unter der Regie von Chris Alexander. Die Geschichte dieser Inszenierung geht bis in die Zeit der Gründungsmomente zurück. Das Besondere: Aus der ersten Generation sind Renato Grünig, Hille Darjes, Chris Alexander dabei und aus der zweiten Rudolf Höhn, Christian Kaiser, Christian Dieterle sowie jene, die noch heute am Haus sind wie Peter Lüchinger, Erik Roßbander und junge Kollegen
wie Christoph Jacobi, Tina Eberhardt, Markus Seuß, Sebastian Kautz – also ein generations-
übergreifendes Projekt. Als Musiker steht der Worpsweder Fredo Burmester mit auf der Bühne.

Was lange währt...

Die Idee zu »Shakespeare in Trouble« tauchte seit Anbeginn immer wieder auf. Verschiedene Umsetzungsversuche, teils mit anderen Titeln, wurden im Laufe der Jahre angedacht, doch nicht so recht realisiert. Die ursprüngliche Intention war, eine Komödie als Parallele zum »Globe« zu schaffen, jenem 1599 erbauten Theater, für das Shakespeare einige seiner berühmtesten Stücke schrieb. Doch ähnlich wie die Biografie der company, war auch die Idee für das Stück durch Veränderungen geprägt. Ein wichtiger Impuls für die weitere Entwicklung kam eines Tages von Hille Darjes, die im Rahmen der Bearbeitung eines Werkes von Virginia Woolf auf eine fiktive Schwester Shakespeares stieß. Aus dem Titel »Clowns and Crowns« wurde auf diese Weise »Shakespeare in Trouble«, ein vom Publikum umjubeltes Stück, das das Ensemble gegenwärtig am Theater aufführt.

Ähnlich wie Virginia Woolf's wandelbarer »Orlando« ist »Shakespeare in Trouble« eine spiele-
rische Auseinandersetzung mit verschiedenen Zeitaltern. Hat sich wirklich so viel verändert? Zitate aus dem Stück wie »Welch Wunderwerk ist doch der Mensch, William....!« und »Das ist der Fluch der Zeit, dass Narren irreführen...!« lassen eher vermuten, dass - ob im 17. oder 21. Jahrhundert – die Themen noch sehr ähnlich sind: Eitelkeiten, Liebe, Macht und was die Menschen sonst noch immer wieder beschäftigt....

Der gesamte Artikel umfasste ca. 8500 Zeichen und erschien im MIX (Bremen) im Januar 04


Bedroht und verfolgt

Psychothrill: Stalking

Der aus dem englischen Sprachraum stammende Begriff „to stalk“ ist nicht etwa
eine neue Trendsportart, wie in manchen Medien fälschlicherweise behauptet wurde. „Stalking“ bedeutet in etwa „heranpirschen, heranschleichen“ und umschreibt dauerhafte Belästigungen, Bedrohungen und Verfolgungen. Die Bandbreite der Täterfantasien reicht von unerwünschten Anrufen bis zu massiver physischer und psychischer Gewalt. Was bisher eher mit amerikanischen Psychothrillern wie „Eine verhängnisvolle Affaire“ in Zusammenhang gebracht wurde, ist mittlerweile auch in Bremen eine Tat, die Aufsehen erregt. Grund genug für die Polizei, im Rahmen eines „Stalking-Projektes“ auf das Thema durch Prävention und Aufklärungskampagnen zu reagieren.

Von Beate Cotok

Irgendwie gab es sie schon immer: Leute, die andere belästigten, beleidigten, bedrohten. Doch was früher den Spanner dazu bewog, dem Nachbarn heimlich durch´s Schlafzimmerfenster zu schielen, was den „obszönen Anrufer“ aufgeilte, wenn er Menschen ins Telefon keuchte, reicht dem „Stalker“ als Kick oft nicht mehr aus. Um sich die Motive dieser Menschen plausibel zu machen, ist ein Griff in die Emotionskiste erforderlich: Eifersucht, unverarbeitete Verletzungen, Leere, Langeweile, Kontrollbedürfnis sowie der Wunsch nach Macht über andere. Das Informa-
tionszeitalter mit all seinen Möglichkeiten wie Telefon, SMS und email eröffnet überdies neue „Gestaltungsmöglichkeiten“ für jene, die nicht loslassen können
oder penetrant auf sich aufmerksam machen wollen.

Kein Kavaliersdelikt

Stalker werden, je nach Motivlage, in fünf Hauptgruppen unterteilt: Der Ex-Partner, der aus
Rache oder aus Hoffnung stalkt (hierbei wurde häufig schon „emotionale Erpressung“ gegenüber dem Partner in der früheren Beziehung eingesetzt). Der „liebende“ Stalker, der seine Liebe zum Opfer erwidert haben will. Der Kurzzeit-Stalker, der jemanden unbedingt näher kennen lernen möchte, aber meist schnell aufgibt. Der Stalker, der sich für ein tatsächlich begangenes oder vermeintlich erlittenes Unrecht rächen will und last but not least der Stalker, der eine Verletzung der sexuellen Integrität des Opfers vorbereitet und zu diesem Zweck Informationen sammelt. Das Gewaltpotential dieser Täterkategorien ist unterschiedlich hoch; entsprechend der Grad der Gefährdung für das Opfer.

Studienwoche

Im März findet in Hamburg am Institut für Kriminologische Sozialforschung der Universität die Kriminologische Studienwoche und der Internationale Studientag zu „Stalking“ statt. Zwei der ReferentInnen sind die in Bremen lebende Dipl.-Sozialpädagogin, Julia Bettermann, die das Stalking-Projekt der Bremer Polizei evaluierte und der Bremer Kriminalhauptkommissar, Rolf Oehmke, der im Gespräch mit dem MIX das Phänomen „Stalking“ näher erklärt...

Der gesamte Artikel incl. Interview umfasste ca. 8.500 Zeichen und erschien im MIX (Bremen) im Januar 04


Schuldnerberatung

Hoffnungslos verschuldet?

Kaum zu glauben, aber deutsche Haushalte stehen im Schnitt mit 40.000 Euro in der Kreide. Besonders auf Familien mit Kindern lasten überproportional viele Kredite. Galt es früher noch als ehrenrührig Schulden zu haben, ist ein »Leben auf Pump« heute eher Regel statt Ausnahme. Was bringt Menschen dazu, über ihre Verhältnisse zu leben? Und was tun, wenn der Schuldenberg Dimensionen annimmt, die einem über den Kopf wachsen?

Von Beate Cotok

Ohne Moos nix los – das wissen heute schon die jüngsten Bürger. Einerseits werden viele Menschen durch Arbeitslosigkeit und andere Gründe immer ärmer, andererseits steigen beinahe parallel dazu die Lebenshaltungskosten. Wer den Lebensstandard bei sinkendem Einkommen und steigenden Kosten aufrechterhalten will, landet schnell in einem Teufelskreis von finanziellen Belastungen (Zinsen, Tilgungen, Ratenzahlungen, Pfändungen).

Ursachen für Überschuldungen

Der Glaube, sich selbst über Konsum- und Luxusgüter definieren zu müssen, ist ein gesamt-
gesellschaftliches Symptom. Allzeit präsente Werbung suggeriert, »gerade dieses Produkt unbedingt haben« zu müssen. Mit dem »richtigen« Auto, der »einzigartigen« Reise oder mit der »absolut sicheren Baufinanzierung« werden Kunden gelockt und zu Vertragsabschlüssen gebracht, die manches Budget übersteigen. Kreditkarten erleichtern das Geldausgeben und desensibilisieren die Konsumenten hinsichtlich leichtfertig getätigter Investitionen. Ratenkäufe verführen zu unüberlegten Verträgen und Kreditinstitute werben mit Angeboten, die dazu beitragen können, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen - und das alles meist ganz legal.

Allerdings ist das mangelnde Vermögen, mit dem zur Verfügung stehenden Etat auszukommen, längst nicht immer alleinige Ursache für eine Verschuldung. Inzwischen ist kaum noch jemand davor sicher, von heute auf morgen auf der sozialen Leiter auszurutschen und sich ein paar Stufen weiter unten wiederzufinden. Reduzierung des Einkommens durch Arbeitslosigkeit, gescheiterte Existenzgründungen, Scheidung, Krankheit und andere »Wechselfälle des Lebens«
begünstigen den Weg in die Schuldenfalle. Verschuldungen gibt es in allen Bevölkerungsschichten.

Schulden schon in jungen Jahren

Laut einer Studie des Bundesverbandes deutscher Banken machen sich 28% aller Jugendlichen keine Gedanken beim Einkaufen in Bezug auf das Preis-Leistungsverhältnis und das persönliche Budget. Kinder und Jugendliche sind besonders gefährdet, da sie sich oft noch weniger über Gruppenzwänge bewusst sind und die Markenjeans als Eintrittskarte gilt, um in der Clique anerkannt zu werden. Anbieter von Mobiltelefonen werben mit dem »Handy für nur einen Euro« und erst beim zweiten Blick offenbart sich das Kleingedruckte, denn mit dem Super-Sonderangebot geht ein Vertrag einher, der nicht mehr ohne weiteres gekündigt werden kann – eine Erkenntnis, die bei vielen zu spät kommt. Es überrascht daher nicht, dass laut aktuellen Statistiken der SCHUFA (Schutzgemeinschaft für Allgemeine Kreditsicherheit) starke Zunahmen der »Zahlungsstörungen« auf dem Telekommunika-tionssektor zu verzeichnen sind....

Der gesamte Artikel umfasste ca. 8.500 Zeichen und erschien im MIX (Bremen) im Februar 2004


Wegwerfgesellschaft

Ausmisten!

Der Frühling ist im Anmarsch und mit den milderen Temperaturen stellt sich bald das Bedürfnis nach mehr Leichtigkeit in Bezug auf die Garderobe ein. Der Blick in den Kleiderschrank offenbart zum Jahreszeitenwechsel wieder einmal, was sich alles von Jahr zu Jahr in den Regalen stapelt und mehr oder weniger ungenutzt herumliegt. Dazu kommen Schubladen voller Krimskrams, Bücherregale mit der berüchtigten »Steh-da-Bibliothek« sowie verstopfte Dachböden und Keller. Der nächste Frühjahrsputz steht bevor, doch wohin mit all den Sachen?

Spätestens seit sich die westliche Welt mit »Feng Shui« beschäftigt, ist auch hierzulande bekannt, dass es »energetisch ungünstig« ist, zu viel Ballast um sich herum zu horten. Man braucht sich jedoch nicht mit Feng Shui auskennen zu müssen, um nicht schon einmal die Erfahrung gemacht zu haben, wie bedrückend ein Aufenthalt in lichtarmen, vollgestopften Räumen sein kann. Der Spruch, »Wer loslässt, hat die Hände frei« kommt bei der Entsorgung von alten Dingen zu seiner vollen Berechtigung, denn wer in seinem Wohnraum »tabula rasa« macht, bemerkt schnell, dass sich derartige Ausmistaktionen auch positiv auf das Gemüt auswirken.

Jeans, Schuhe und Co.

Je nach Qualität und Schick gibt es in Bremen jede Menge Second-Hand-Shops für gut erhaltene Kleidung. Die Läden arbeiten in der Regel auf Kommissionsbasis. Für Kleidungs-
stücke, die als wiederverkäuflich eingeschätzt werden, wird ein Preis vorgeschlagen, von dem der Besitzer meist 50 Prozent erhält, während die anderen 50 Prozent Provision für den Second-Hand-Shop sind. Der Vorteil des Kommissionsvertrages ist ein höherer und somit abwechs-
lungsreicherer Durchlauf in Bezug auf das Sortiment, weil die Ware, sofern sie nicht verkauft wird, nach zwei bis drei Monaten wieder abgeholt werden muss. Manche Läden haben sich auf Damen- oder Kinderkleidung spezialisiert. Zu beachten ist, dass saisonal abhängige Ware rechtzeitig angeboten wird. Wer also Sommersachen verkaufen möchte, muss sich beizeiten auf die Socken machen, da Second-Hand-Läden ihre Kollektionen natürlich wie auch First-Hand-Läden der Jahreszeit anpassen.

Die Ware sollte entweder modisch oder zeitlos, sauber und ohne Mängel sein. Es lohnt sich, gleich mehrere Geschäfte aufzusuchen, denn was nicht zum Stil des einen Ladens passt, kann für einen anderen durchaus akzeptabel sein. Manche Händler zahlen auch gegen bar; allerdings sind hier dann meist geringere Erlöse zu erwarten.....

Der gesamte Artikel umfasste ca. 8.500 Zeichen und erschien im MIX (Bremen) im April 2004

Lernen, dass Lernen Spaß macht!

Von Beate Wiemers

Ausgelöst durch die Ergebnisse der Schulleistungsstudie PISA im Jahr 2002 ist die Bildungssituation in der Bevölkerung - besonders in Bremen - ein gesellschaftlich relevantes Thema, das von Medien und Politikern seitdem mehr Beachtung findet. Wenngleich es seinerzeit um das desolate Bildungsniveau von Schülerinnen und Schülern ging, so spiegelte das PISA-Ergebnis sicher nicht nur den Bildungsnotstand der Heranwachsenden wider, sondern auch den des sozialen Umfeldes. Aufwind hingegen bekam Bremen zusammen mit Bremerhaven 2005 mit der Auszeichnung als "Stadt der Wissenschaften" - Grund zum Stolz und Grund zur Hoffnung, aber war das alles?

Am Sa. 9.9. tut sich zumindest wieder etwas! Dann nämlich geht um 11.00 Uhr die "Bremer Wissensmeile" an den Start. Die Arbeitnehmerkammer, das Haus der Wissenschaft, die Stadtbibliothek und die Domgemeinde St. Petri wollen künftig ihre Programme aufeinander abstimmen, gemeinsame Schwerpunkte entwickeln, sich gegenseitig unterstützen und gemeinschaftliche Aktionen planen. Von Mo. 11.9. bis So. 17.9. findet darüber hinaus eine "Wissenswoche" mit vielen interessanten Angeboten statt. Oberste Maxime dabei ist nicht der erhobene Zeigefinger, sondern die Devise "Lernen macht Spaß!"

Wer, wie, was?

Die Wissensmeile beginnt ziemlich genau da, wo die Kulturmeile in Bremen endet, nämlich bei der Stadtbibliothek in der Nähe des Goethe-Theaters und der Kunsthalle. Die Arbeitnehmerkammer setzt ab Ecke Bucht-/Bürgerstraße ein, dicht gefolgt vom Haus der Wissenschaft (Nähe Sandstraße). Die jeweiligen Standorte sind also nur durch kurze Wege getrennt, so dass Interessierte sich zu Fuß von Station zu Station über die zahlreichen Angebote informieren können.

Bildung ist ein Menschenrecht oder sollte es zumindest sein. Viele Dichter und Philosophen zerbrachen sich über Jahrhunderte die Köpfe, um kluge Weisheiten über das Lernen, das Wissen und die Bildung von sich zu geben. Doch Bildung soll nicht darauf abzielen, Fachidioten zu produzieren, sondern stets auch zum allgemeinen und umfassenden Wissenstand beitragen, um den persönlichen Horizont und die Allgemeinbildung zu erweitern. A propos Allgemeinbildung - das Zitat "Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Sobald man aufhört, treibt man zurück" stammt übrigens von dem englischen Komponisten und Musikpädagogen Benjamin Britten. Welch weise Worte! Auch Bürgermeister Jens Böhrnsen scheint von dem Thema angetan zu sein. Als Schirmherr unternimmt er nämlich am Eröffnungstag einen Rundgang durch die Wissensmeile und die jeweiligen Institutionen. Dabei wird er von der Bläserkombo "Lauter Blech" begleitet.

Informationsselektion

Die Menschheit wurde dank des Informationszeitalters wohl noch nie mit derart viel Wissen konfrontiert, wie heute. Das hat Vorteile, denn viele Informationen sind nun auch vielen Menschen zugänglich, was früher nicht der Fall war und auch nicht der Fall sein sollte. Man denke nur an die Verhinderung von Wissensweitergabe durch die katholische Kirche vor der Zeit Martin Luthers. Nachteile des Informationszeitalters sind jedoch, dass ein Großteil dieser Informationen nicht unbedingt erwünscht ist - auch hier gibt es oft "lauter Blech". Die Zufuhr oft ungesuchter Reizüberflutung nimmt weiter zu. Besonders in öffentlichen Einrichtungen, wie z. B. Bahnhöfen und Flughäfen, werden große Monitore und Lautsprecher installiert, über die nonstop Nachrichten und Werbung übermittelt werden. Nachrichten, die teilweise von Agenturen stammen, die sich zwar den Anschein der Objektivität geben, tatsächlich aber gezielt bestimmte Informationen - und vor allem Bilder - vermitteln, die die Interessen ihrer Finanziers repräsentieren, aber nicht hintergründig recherchiert sind. Leitmotivisch sprechen Bilder ihre eigene Sprache, warnen z. B. vor den Gefahren des weltweiten Terrors und kategorisieren in "Gut" und "Böse", während realer gegenwärtiger Völkermord unter den Tisch gekehrt wird.

Meinungsmache

Die Massenmedien konstruieren also das, was als Realität wahrgenommen werden soll. Dabei gilt "Neue Ziele und Interessen schaffen neue Wahrnehmungen". Die Technik macht es möglich, denn Bilder lassen sich gezielt einsetzen und verfehlen ihre Wirkung im Unterbewusstsein weit weniger als Texte. Nicht umsonst heißt es "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte." Fazit: Es existieren zu viele Wahrheiten, deren Quellen kaum noch nachvollziehbar sind. Schon Descartes ließ sich zu folgender Bemerkung hinreißen: "Als ich überlegte, wie viele verschiedene Ansichten es über die gleiche Sache geben kann, deren jede einzelne ihren Verteidiger unter den Gelehrten findet, und wie doch nur eine einzige davon wahr sein kann, da stand es für mich fest: Alles, was lediglich wahrscheinlich ist, ist wahrscheinlich falsch". Descartes - wer war das nun wieder? Rene Descartes war ein französischer Mathematiker und Philosoph, der im 16. Jahrhundert lebte. Mathematik und Philosophie sind nämlich gar nicht so weit voneinander entfernt. Ähnlich war es auch bei Pythagoras. Der nämlich sagte: "In der Zwei hat der Mensch die Sicht für die Eins verloren, denn er wurde von der Vielfalt besessen". Doof waren die Jungs damals also auch nicht, obwohl es noch kein Internet und keine Suchmaschinen gab. (Nebenbei bemerkt: Nichts gegen Internet und Suchmaschinen; sie erleichtern RedakteurInnen beispielsweise ungemein die Suche nach Zitaten.)

Aber zurück zu Pythagoras: Der Mann hatte also wirklich mehr zu bieten als nervige Lehrsätze für den Mathematikunterricht über gleichschenklige Dreiecke. Die Vielfalt ist es nämlich heute gerade, die Verwirrung stiftet und an der die Massenmedien kranken. Fast sehnt man sich in eMail-Zeiten wieder nach einem Briefkasten, der täglich von einem freundlichen Angestellten der Post gefüllt wird, denn inzwischen werden Briefkästen immer leerer und eMail-Fächer immer voller. Dabei klafft die Schere zwischen Qualität und Quantität immer weiter auseinander. Worauf kommt es also an? Auf die bewusste Selektion von Wissen, denn die akustischen und visuellen Informationen, die nahezu rund um die Uhr auf uns einwirken und Aufmerksamkeit für sich beanspruchen, sind nicht immer Ausdruck von Qualität und schon gar nicht immer Ausdruck der Wahrheit.

Immer wieder gut für ein Zitat ist auch Goethe. Aus dem "Faust" stammt folgender weise Ausspruch: "Oh glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen! Was man nicht weiß, das eben brauchte man, und was man weiß, kann man nicht brauchen" - passt auch ganz gut zum Informationsüberfluss, oder?

Wissen und Weisheit

Schopenhauer, seines Zeichens ebenfalls Philosoph, behauptete sogar:"Vermöge seiner Bildung sagt der Mensch nicht, was er denkt, sondern was andere gedacht haben und was er gelernt hat". Ein weiteres Zitat, das von Nietzsche stammt, lässt sich ebenfalls gut in die heutige Zeit übertragen und zwar:"Die Bildung wird täglich geringer, weil die Hast größer wird". Und eine französische Weisheit beweist, dass nicht nur die früheren Gelehrten des Bildungsbürgertums von vielen Dingen Ahnung hatten, sondern dass auch der Volksmund durchaus in der Lage war, das Gedankengut einfacher Leute in kluge Worte zu kleiden: "Wer nichts weiß, bezweifelt nichts". Wohl wahr! Darum ist es wichtig, dass einerseits das Lernen nicht in der Schule aufhört und dass junge Menschen in der Schule und zu Hause zu kritikfähigen BürgerInnen erzogen werden. Und das funktioniert am besten durch Vorbilder in der Erwachsenenwelt. Denn: Damit sich die Lebenssituation auf der Welt für alle Menschen ändert, gilt es, zu durchschauen, welche manipulativen Interessengemeinschaften Meinungen schaffen. Sonst wird erreicht, dass entweder die Ignoranz oder aber die stille Zustimmung der Massen dazu beiträgt, dass der Status Quo erhalten bleibt und das, obwohl sich doch eigentlich alle Frieden wünschen und in einer lebenswerten Welt leben wollen. Wissen ist auch Verantwortung. Und wenn aus Verantwortung Mut entsteht, z. B. zum Nein-Sagen, werden vielleicht irgendwann keine Kriege mehr geführt.

Mehr als je zuvor scheint es also darauf anzukommen, Informationen zu selektieren und deren Quellen nachzuvollziehen, soweit das überhaupt noch möglich ist. Die Wissensmeile sowie die Wissenswoche bieten ein gutes Übungsfeld, um sich selektiv zu informieren. Nachhaltiges Lernen ist eng an Aktionen gekoppelt und nicht an trockene Theorie. Werden verschiedene Sinne angeregt, prägt sich das Gelernte besser ein. Während der Eröffnungstage der Wissensmeile können Lernwillige erfahren, wie man Türkisch in 30 Minuten lernt, das Tanzen mit einer Tänzerin des Ensembles am Goethe-Theater ausprobieren oder aber das Jonglieren und Seillaufen.

Was es z. B. heißt, von und in der Stadt zu lernen, ist das Thema von Lutz Liffers, einem bekennenden Bewohner Gröpelingens. Hirnforscher Gerhard Roth klärt rechtzeitig zum Schulanfang darüber auf, wie man Schülergehirne zum Lernen bringt. Um verborgene Kompetenzen geht es in einem Vortrag in der Arbeitnehmerkammer mit dem Titel "Wenn Sie wüssten, was Sie wissen". Programmbegleitend finden im Haus der Wissenschaft, der Unteren Rathaushalle und der Arbeitnehmerkammer auch Ausstellungen statt. Flyer mit Informationen zum genauen Programm der Wissensmeile liegen an vielen öffentlichen Stellen in Bremen aus.

Die Wissensmeile schließt übrigens am So. 17.9. mit einem Gottesdienst zum Thema Lernen im Dom ab. Was hat die Wissensmeile nun wieder mit einem Gottesdienst zu tun? "Wissen ist Macht" sagte zwar Francis Bacon aber das bereits erwähnte Zitat von Pythagoras soll wohl ausdrücken, dass bei all der Vielfalt nicht der Blick für das Eine verloren gehen darf. Der Intellekt hat zwar den technischen Fortschritt enorm vorangetrieben, aber die menschliche Gesinnung bislang nicht wesentlich qualitativ verändert. Letztendlich ist "Das Wesentliche für die Augen unsichtbar" (Antoine de Saint Exupéry.)

Der Artikel umfasste ca. 8500 Zeichen und erschien
im September 2006 im Stadtmagazin MIX in Bremen

Copyright Beate Wiemers
(hier aufgeführten Textauszüge)