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Kultur und Gesellschaft
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Menschenwürde MIX: Mit welchen Diagnosen kommen Menschen zu Ihnen? E.-S.G: Wir betreuen Patienten mit schnell fortschreitenden Tumorerkrankungen, neurologischen Erkrankungen, wie Multipler Sklerose oder ALS, AIDS- und Mukoviszidose-Erkrankte, deren Symptome ambulant nicht oder nicht mehr behandelbar sind. MIX: Ein Schwerpunkt Ihrer Aufgaben liegt im Bereich der Entlassungen. Das überrascht zunächst angesichts der Tatsache, dass hier unheilbar kranke Menschen behandelt werden. Können Sie das erklären? E.-S.G: Bei uns geht es erst einmal darum, Symptome zu lindern. Dazu gehören in erster Linie Schmerzen, aber auch Übelkeit, Durchfall und Erbrechen u.a.. Die Menschen kommen in der Regel aufgrund einer Krankenhauseinweisung. Das ist gerade der Unterschied zum Hospiz, wo es eher darum geht, Sterbebegleitung zu leisten. Im Einzelfall raten wir Patienten sogar, ins Hospiz zu gehen. Im Gegensatz zu einigen anderen Stationen eines Krankenhauses ist es auch nicht unser Ziel, Leben klinisch zu verlängern. Es kommt aber immer wieder vor, dass Patienten wieder nach Hause möchten und auch können. Dann ist innerhalb kürzester Zeit eine Menge zu organisieren. Dazu gehört, den Angehörigen zu zeigen, wie sie mit Schmerzmitteln umgehen müssen, der Pflegedienst muss organisiert werden, ein geeignetes Bett für zu Hause muss her und andere Hilfsmittel einfach Dinge, die von heute auf morgen zur Verfügung zu stehen haben. In so einem Fall läuft hier alles auf Hochtouren. Manche kommen aber auch zurück, wenn die Symptome wieder auftreten. MIX: Wie ist Ihre Erfahrung mit den Angehörigen in einem solchen Fall? E.-S.G: Für manche Angehörigen ist es einfach so, dass sie die Kranken oft schon über lange Zeit begleiten. Dann ist es ihnen lieber, wenn die Patienten hier bleiben, weil sie einfach mit ihren Kräften am Ende sind. Das Vertrauensverhältnis zu den Familien ist auch so gut, dass auf alle Bedürfnisse eingegangen wird, ob das Massagen sind oder Einreibungen oder vergleichbare Anwendungen. MIX: Trotz des »Entlassungscharakters« der Station sterben hier Menschen. Was geschieht dann? E.-S.G: Wir versuchen, das zusammen mit den Angehörigen zu regeln. Wenn die Patienten nachts sterben, bemühen wir uns zu erreichen, dass sie erst am nächsten Tag gegen Mittag von unserer Station abgeholt werden. Nach Möglichkeit sollen die Angehörigen ein Beerdigungsinstitut beauftragen. Wenn jemand gestorben ist, lassen wir für ihn oder sie 24 Stunden eine Kerze brennen, auch dann, wenn dieser Mensch vom Beerdigungsinstitut schon abgeholt worden ist. MIX: Welche Fragen bewegen die betroffenen Menschen in dieser Lebensphase? Haben sie Angst? E.-S.G: Das ist unterschiedlich. Meine Vermutung ist, dass Menschen ihr Leben in etwa so beenden, wie sie es gelebt haben. Manche haben gar keine Fragen, andere stellen sich Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach dem, was danach kommt. Wieder andere möchten unbedingt noch viele Dinge regeln, ob finanzieller oder zwischenmenschlicher Art. Die Fragen, die sich Menschen in dieser Phase des Lebens stellen, sind also sehr verschieden. Wie auch immer die »Wahrheit« des jeweiligen Patienten ist, begleiten wir jeden individuellen Weg. Und was die Angst angeht, ist es ähnlich. Manche haben Angst, gläubige Menschen eher nicht. Andere sagen, sie haben Angst vor dem Sterben, aber nicht vor dem Tod. Auch der Umgang mit der Angst vor dem Tod hat damit zu tun, wie jemand sein Leben gelebt hat. Die Schattenseiten der Festtage Gänsemast Und da viele übersättigte Kinder immer neue Reize brauchen und sich an Spielzeug mit kurzer Lebensdauer gewöhnt haben, ist das Interesse am Hamster oder Hündchen oft genauso schnell erlahmt, wie am neuen Computerspiel. Dann landen die Tiere schon kurz nach den Feiertagen im Tierheim oder, was noch schlimmer ist, sie werden irgendwo ausgesetzt. Der Zustand solcher Wesen ist manchmal erschreckend: verwahrlost, unterernährt und krank. Also: Vor dem Kauf eines Tieres gut überlegen, ob das Kind oder die Familie in der Lage ist, einem Tier auf Dauer ein Zuhause zu geben. Welche Bedürfnisse hat das gewünschte Tier? Erlaubt der Mietvertrag das Halten von Haustieren? Bestehen Tierhaarallergien? Ist das Wunschtier ein Gruppentier oder kann es alleine gehalten werden? Können diese Fragen nicht zufrieden stellend beantwortet werden, ist ein Kuscheltier aus Stoff sicher die bessere Wahl. Wenn ein Kind tatsächlich als verantwortungsbewusster Tierhalter in Frage kommt, kann es grundsätzlich auch ein Tier aus dem Tierheim sein. Allerdings geben viele Tierheime vor Weihnachten keine Tiere für »Überraschungsgeschenke« ab, um unüberlegte Käufe zu vermeiden. Von Astrid Lindgren stammt übrigens folgender Satz: »Man kann in die Tiere nichts hineinprügeln, aber man kann manches aus ihnen herausstreicheln«. Armut in Bremen Wie ehrlich sind wir eigentlich? Hand auf´s Herz: es passiert einem doch zuweilen! Die kleine Ausrede, das verlegene Ausweichen, der ironische Kommentar als Alternative zum ehrlichen Ausdruck dessen, was man denkt und fühlt. Oder geht Ihnen das nicht so? Von Beate Cotok „Na, das hast du ja mal wieder prima hingekriegt“, - die Vase von Tante Edeltraut liegt als Scherbenhaufen auf dem Boden. Der 5-jährige Florian schaut betreten weg, fragt sich aber, wieso das nun wohl „prima“ sein soll, wo die Mutter doch ganz wütend zu sein scheint! Oder diese Variante: Endlich Feierabend! Papi hat sich auf´s Ausruhen gefreut, denn im Büro ging es mal wieder drunter und drüber. Da klingelt das Telefon! Papi raunt hinter der Zeitung kaum aufschauend leicht genervt zur 7-Jährigen: „Geh Du mal bitte ´ran, Mäuschen! Wenn das der Herr Kaiser, mein Chef ist, sag ihm bitte, ich bin nicht da“. Die Tochter kennt das Spielchen bereits und ist in ihrer Rolle als „Komplizin" bühnenreif. In ihrem Alter hat sie schon durch- Wie ist es damit: So ein Pech! Da ist doch glatt ein Kratzer auf die neue CD gekommen, die der Papa der Mama zum Geburtstag geschenkt hat. CD´s eignen sich eben doch nicht so optimal als Bumerang, muss der kleine Tobias feststellen. Nach anfänglichem Missmut über das Malheur leuchten Mama´s Augen jedoch auf: „Bestimmt hat Papa noch den Bon, - dann kann er doch sagen, dass der Kratzer schon vorher da gewesen sein muss und versuchen, die CD umzutauschen!“ Was im ersten Beispiel „nur“ Ironie war, ist sicher von einem Kind nicht immer als solche erkennbar, da Kinder die feinen Nuancen der Sprache sowie die Macht der Worte erst einmal lernen müssen. Vielleicht ist Ironie manchmal auch eine Vorstufe von Zynismus. Zynismus wiederum zeugt zwar zuweilen von der Ausbildung des Intellektes eines Menschen, jedoch weniger von der des Herzens.... Der gesamte Artikel umfasste etwa 4000 Zeichen und erschien in »mobile« 5/2001 (HERDER-Vlg. Freiburg)
Immer häufiger fallen Kinder bereits im Kindergarten oder spätestens in der Schule wegen unangepassten Verhaltens auf. Sie gelten als schwierig, verursachen Chaos, bringen Eltern, Betreuungspersonen und Lehrer auf die Palme. Hoffnungslose Fälle, wie es zunächst scheint. Um diese Kinder unter Kontrolle zu bringen, wird mit rasant steigender Tendenz zu Psychopharmaka gegriffen. Kann das die Lösung sein? Oder sind viele dieser Kinder einfach nur ausgesprochen kreativ und können ihrem Schöpfungsgeist nur durch extremes Verhalten Ausdruck verleihen? Gibt es überhaupt alternative Behandlungsmethoden? Von Beate Cotok ADD (Attention Deficit Disorder), ADHD (Attention Deficit Hyperactivity Disorder) sind Bezeich- Wenden sich hilfesuchende Eltern an ihren Kinderarzt, erhalten sie dort mittlerweile meistens ein Rezept für ein Mittel mit dem Namen Ritalin. Bei diesem Mittel handelt es sich um ein Methylphenidat, das im Gehirn der aufmerksamkeitsgestörten Kinder eine Erhöhung des Botenstoffes Serotonin bewirkt. Die US-Drogenbehörde DEA hat das Medikament in die selbe Stufe der Bekämpfungsagenda wie Kokain und Methadon aufgenommen. Laut Angaben der Bundesdrogenbeauftragten Marion Caspers-Merk bekamen 1990 in Deutschland 2500 Kinder Ritalin. Heute sind es bereits 40 000 und täglich wird in Kinderarztpraxen erneut die Diagnose „ADD/ADHD“ gestellt und Ritalin verordnet. Die Ritalin-Befürworter argumentieren dahingehend, dass andere Therapieformen erst erfolg- Die Hemmschwelle, auch schon sehr jungen Kindern dieses Psychopharmakon zu verschreiben, wird jedoch immer niedriger. Glaubwürdige Langzeitstudien zu diesem Mittel gibt es kaum. Es wurde bekannt, dass inzwischen sogar schon Einjährige damit behandelt werden. In den USA müssen sich teilweise Eltern einem Ritalin-Entzug unterziehen, weil sie vom Medikament ihres Kindes genascht haben. Während nämlich bei einem hyperaktiven Kind Ritalin paradoxerweise beruhigend wirkt, obwohl es ein Amphetamin, also ein Aufputschmittel ist, erleben „normale“ Erwachsene eine stimmungsaufhellende Wirkungsweise. In den USA klagen bereits einige Eltern gegen Pharmakonzerne und werfen ihnen vor, kräftig an den Symptombildern mitge- Der gesamte Artikel umfasste ca. 10.000 Zeichen und erschien bei ZeT (Friedrich-Verlag, Seelze) im Januar 2002
Sie sind schon seit langem keine Ausnahme mehr, aber dennoch mit vielen Klischees behaftet. Wie bewältigen allein Erziehende den Alltag? Von Beate Cotok Die traditionellen Familienstrukturen sind im Wandel begriffen. Mehr und mehr Kinder wachsen in Ein-Eltern-Haushalten auf. Knapp zwei Millionen allein Erziehende ca. 15% davon Väter - gibt es aktuell in Deutschland. Tendenz steigend. Trotz dieser Zahl entsteht manchmal der Eindruck, dass allein erziehenden Elternteilen und das sind in der Regel die Mütter ein geringerer Wert zugemessen wird als verheirateten. Wie das? so fragt man sich unwillkürlich. Was früher die Krieger-Witwen waren, sind heute die Geschiedenen oder jene, die sich von vorneherein zu dieser Lebensform entschieden haben. Nicht enthalten sind in den Zahlen des Statistischen Bundesamtes Frauen, die ihre Kinder wegen beruflicher Abwesenheit des Ehepartners ebenfalls über weite Strecken allein erziehen. Allerdings kommen auch letztere heute nicht zu Wort, da sie schon wegen ihrer wirtschaftlichen Situation nicht in die Schublade mit dem Etikett „allein erziehend“ passen. „Allein erziehend“, - da drängt sich rasch das Klischee der stressgeplagten Sozialhilfe- Doch obwohl viele Frauen in der Tat häufig einen sozialen Abstieg erleben, wenn sie sich in der Situation als Ein-Elternfamilie wiederfinden, lebt nur etwa ein Drittel der Betroffenen von Sozial-hilfe. Dabei sind wiederum geschiedene Frauen, die in der Ehe nicht erwerbstätig waren, eher von finanziellen Einbußen betroffen als diejenigen, die ohne größere Lücken im Beruf geblieben sind. Ein weiteres Vorurteil, das die oft ambivalente gesellschaftliche Haltung gegenüber allein Erziehenden widerspiegelt, ist die Ansicht, allein Erziehende seien mit ihrer Mutterrolle unzufriedener als verheiratete. Wie die britischen Forscherinnen Woollett und Smith in einer Befragung von 32 Müttern ermittelten, kam eine weit optimistischere Einstellung der „getrennten „Wir haben uns die Suppe gemeinsam eingebrockt und nun muss ich sie alleine auslöffeln“ beschreibt die 39jährige Gesine K. ihr Gefühl, als sie nach zehn Jahren Ehe von ihrem Mann geschieden wurde und mit zwei Töchtern, sieben und acht Jahre alt, alleine dastand. „Es war uns finanziell stets recht gut gegangen, doch dann kam der finanzielle Einbruch. Sozialhilfe konnte ich nicht beantragen und mein Mann zahlte lediglich für die Kinder. Auf Unterhaltszahlungen für mich verzichtete ich, um das Klima durch finanzielle Streitigkeiten nicht noch zu verschärfen. Die erste Zeit war hart. Wir lebten einige Monate von Erspartem und nahmen uns eine kleinere Wohnung in einem wenig attraktiven Stadtteil. Jede Mark zählte..... Der gesamte Beitrag umfasste ca. 9000 Zeichen und erschien in »mobile« 10/2000 (HERDER, Freiburg)
Gedanken zum Konsumverhalten: Wenn Kindern jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird, - kann sich da eine Wertschätzung gegenüber den Dingen entwickeln? Von Beate Cotok Als ein Paar mit ökologischen Ambitionen, das treu und brav Pfand- statt Einwegflaschen kauft, den Müll sortiert und das Wasser nicht beim Zähneputzen ununterbrochen laufen lässt, waren wir uns schon vor der Geburt unseres Kindes einig: Das Kinderzimmer sollte nicht binnen der ersten Lebensjahre zum Spielwarensammelsurium mutieren und das Spielzeugangebot sollte sich zunächst auf wenige Teile aus verschiedenen Materialien vorzugsweise Holz - beschränken. Schließlich hatte man genügend Haushaltsgegenstände wie Siebe, Holzlöffel, Plastikdosen zur Hand, die dem pädagogisch wertvollen und teuren Spielzeug aus dem Fachgeschäft bis zum Kindergartenalter mitunter ohne weiteres standhalten konnten. Ein mit Knöpfen gefülltes Döschen konnte als Rassel dienen, vorausgesetzt natürlich, dass die Knöpfe groß genug waren, um keine Gefahr für ein Kleinkind darzustellen. Die Grundausstattung war lange vor der Geburt weitgehend komplett. Dabei hatten wir uns nicht ganz an die Empfehlungen in diversen Broschüren für die werdende Mutter gehalten, da wir fanden, auch ohne Stillkissen und Sterilisiergerät für Flaschen auskommen zu können. Unser Sohn Kurt wurde geboren: Zur Begrüßung des neuen Menschen gab es von allen Seiten jede Menge Geschenke. Da zeigte sich erst, wieviele Verwandte man hatte, denn die freudige Nachricht sprach sich schnell herum und war selbst für Tante Gisela, von der man nur alle Jubeljahre hörte, Anlass für ein Päckchen inklusive obligatorischer Strampelhose und Hemdchen im Feinripp. Schon im Laufe der ersten Lebenswochen war der neue Erdenbürger stolzer Besitzer von u.a. drei Mobiles, zwei Spieluhren und sechs Kuscheltieren..... Der gesamte Beitrag umfasste etwa 9000 Zeichen und erschien in "mobile" 9/2001 (HERDER, Freiburg)
Bei Kindern getrennt lebender Eltern fällt immer häufiger eine Symptomatik auf, die mit dem Begriff PAS (Parental Alienation Syndrome) umschrieben wird. Von PAS wird gesprochen, wenn es einem der getrennt lebenden Elternteile nicht gelingt, dem anderen Partner seinen Raum im Leben des Kindes zuzugestehen. Gemeint ist die elterliche Entfremdung durch Manipulation, ein Tatbestand, der allein erziehende Tagesmütter und väter ebenso betreffen kann wie Tageseltern von Kindern allein Erziehender. Von Beate Cotok Gehen Eltern auseinander, ist das für Kinder eine oft traumatische Erfahrung, zumal der Entscheidung zur Trennung oft eine durch Streitereien geprägte Zeit vorangeht. In der Folge geraten Kinder leicht zusätzlich in einen Loyalitätskonflikt, wenn die Eltern das alte Spiel „Ich bin gut und du bist böse“ weiterspielen. Ein PAS kann sich bei Kindern einstellen, wenn ein Elternteil, meistens jener, der ausgezogen ist, bewusst oder auch unbewusst ausgegrenzt wird. Das kann direkt geschehen „Dein Vater ist ein Versager!“, „Deine Mutter ist eine Schlampe!“ oder indirekt, indem Geschenke vom getrennt lebenden Elternteil oder gemeinsame Freizeit- Paare haben Gründe, wenn eine Beziehung nicht mehr funktioniert. Das sind Gründe, die mit Verhaltensmustern und mit Emotionen zu tun haben. Menschliche Wandlungsfähigkeit unterliegt jedoch nicht selten dem Gesetz der Trägheit; Angewohnheiten und Emotionen lösen sich nicht in Luft auf, wenn das Gegenüber plötzlich nicht mehr da ist. Besonders wichtig ist es daher, seine eigenen Gefühle wie Verletzungen, Trauer, Wut, Rache, gekränkter Stolz und Beleidigt- Eine PAS-Situation entsteht dann, wenn einer der Partner nicht loslassen kann und wie eine festsitzende Schallplatte immer wieder dem anderen die Schuld in die Schuhe schiebt. Durch offenes oder maskiertes Denunzieren des Ex-Partners wird versucht, das Kind auf die eigene Seite zu ziehen. Ein Kind gerät da schnell zwischen die Fronten, denn nach den Erfahrungen der Elterntrennung und dem Auszug eines Elternteils ist es noch beherrscht von der Angst, nun auch den anderen zu verlieren. Aus Sicherheits- und Abhängigkeitsgründen schlägt sich das Kind lieber auf die Seite des manipulierenden Elternteils. Es hat keine Wahl, aber unter der aufgezwungenen Ablehnung leben die Liebe und die Sehnsucht des Kindes nach dem anderen Elternteil weiter. Begünstigt wird manipulatives Verhalten, wenn der aus der gemeinsamen Wohnung ausge- Der gesamte Artikel umfasste ca. 10000 Zeichen und erschien 01/2003 in ZeT, Friedrich-Verlag, Seelze
Der Medizinschrank Die am 14. Mai eröffnete Ausstellung „Der Medizinschrank“ in der Galerie im Park des Zentralkrankenhauses Bremen-Ost hat noch bis zum Herbst ihre Pforten geöffnet. Es werden Exponate (medizinische Geräte und Instrumente) aus der Sammlung des Krankenhaus-Museums gezeigt. Als Relikte vorwiegend aus den Jahren 1920 bis 1950 erzählen sie von damaligen Behandlungsformen, der Entwicklung der Technik in der Medizin, aber auch vom „Handwerk“ des Arztberufes. Parallel dazu haben drei KünstlerInnen ihre Interpretationen der Themenkomplexe „Krankheit, Schmerz, Tod“ im engeren und weiteren Sinne in Szene gesetzt. Bis So. 12.10. bestehen noch reich- Von Beate Cotok Das Gelände um das Zentralkrankenhaus Bremen-Ost hat Tradition als Ort für kulturelle Highlights. Das ist auch der Leiterin des Bremer Kulturamtes, Margit Hohlfeld, bewusst: „Das Kulturressort verfolgt mit großer Aufmerksamkeit das hochinteressante Kulturangebot, das auf dem Gelände des Zentralkrankenhauses Bremen-Ost für die Öffentlichkeit in diesem kulturell nicht gerade „überversorgten“ Stadtteil regelmäßig angeboten wird, und vor allem, auf welch hohem künstlerischen und intellektuellem Niveau die Kultur-macher dies immer wieder schaffen.“ Die Besonderheit der Arbeit der drei Kulturprojekte im Klinikpark - Haus im Park, Galerie im Park und Krankenhaus-Museum - besteht in der Auseinandersetzung mit „schwierigen“ Themen, die rund um Krankheit, Tod, Fremdsein, Sinnhaftigkeit kreisen. An keiner anderen Stelle in der Stadt wird, so die Kulturamtsleiterin, „so intensiv, unprätentiös, selbstverständlich, ja spielerisch, damit umgegangen.“ Über´s Kranksein „Die Krankheit von heute ist nichts anderes als die Übertretung der Naturgesetze von gestern“ lautet ein altpersisches Sprichwort. Naturgesetze wurden seit Menschengedenken übertreten und werden es heute wie selten zuvor. Wurde früher noch strafenden Göttern oder Dämonen die Schuld in die Schuhe geschoben, erkannte man im Altertum bereits, dass Krankheit etwas mit Unordnung zu tun hatte. Krankheit als Sprache der Seele, Krankheit als Folge von Umweltbe- Der gesamte Artikel umfasste ca. 8.500 Zeichen und erschien im MIX (BREMEN) m Juli 2003
Die bremer shakespeare company Im September 1983 beschlossen sieben Schauspieler, eine freie Theatergruppe zu gründen, die sich den Werken William Shakespeares und der Spielweise des elisabethanischen Volkstheaters annehmen sollte. Idealisten, die sich ihrer Grenzen bewusst waren und doch zuweilen Grenzen überschritten. »Nur wer sich wandelt, bleibt sich treu« könnte das Motto der bremer shakespeare company anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens sein. Doch wie überall, wo Menschen zusammenarbeiten, gab es Wechselfälle und Veränderungen. Einige gingen, andere kamen, was der Company in der Essenz nicht nachhaltig geschadet hat, denn sie gehört heute mehr denn je zum »Inventar« der Stadt und kann auf 37 Shakespeare-Inszenierungen und 28 Uraufführungen zurückblicken. Von Beate Cotok Wie alle Geburtstage wird auch der 20. des Theaters am Leibnizplatz gefeiert. Und wie zu allen Geburtstagen gehören auch Geschenke dazu: »Shakespeare in Trouble«, die zurzeit dargebotene Produktion von Chris Alexander und Hille Darjes unter der Regie von Chris Alexander. Die Geschichte dieser Inszenierung geht bis in die Zeit der Gründungsmomente zurück. Das Besondere: Aus der ersten Generation sind Renato Grünig, Hille Darjes, Chris Alexander dabei und aus der zweiten Rudolf Höhn, Christian Kaiser, Christian Dieterle sowie jene, die noch heute am Haus sind wie Peter Lüchinger, Erik Roßbander und junge Kollegen Was lange währt... Die Idee zu »Shakespeare in Trouble« tauchte seit Anbeginn immer wieder auf. Verschiedene Umsetzungsversuche, teils mit anderen Titeln, wurden im Laufe der Jahre angedacht, doch nicht so recht realisiert. Die ursprüngliche Intention war, eine Komödie als Parallele zum »Globe« zu schaffen, jenem 1599 erbauten Theater, für das Shakespeare einige seiner berühmtesten Stücke schrieb. Doch ähnlich wie die Biografie der company, war auch die Idee für das Stück durch Veränderungen geprägt. Ein wichtiger Impuls für die weitere Entwicklung kam eines Tages von Hille Darjes, die im Rahmen der Bearbeitung eines Werkes von Virginia Woolf auf eine fiktive Schwester Shakespeares stieß. Aus dem Titel »Clowns and Crowns« wurde auf diese Weise »Shakespeare in Trouble«, ein vom Publikum umjubeltes Stück, das das Ensemble gegenwärtig am Theater aufführt. Ähnlich wie Virginia Woolf's wandelbarer »Orlando« ist »Shakespeare in Trouble« eine spiele- Der gesamte Artikel umfasste ca. 8500 Zeichen und erschien im MIX (Bremen) im Januar 04
Psychothrill: Stalking Der aus dem englischen Sprachraum stammende Begriff „to stalk“ ist nicht etwa Von Beate Cotok Irgendwie gab es sie schon immer: Leute, die andere belästigten, beleidigten, bedrohten. Doch was früher den Spanner dazu bewog, dem Nachbarn heimlich durch´s Schlafzimmerfenster zu schielen, was den „obszönen Anrufer“ aufgeilte, wenn er Menschen ins Telefon keuchte, reicht dem „Stalker“ als Kick oft nicht mehr aus. Um sich die Motive dieser Menschen plausibel zu machen, ist ein Griff in die Emotionskiste erforderlich: Eifersucht, unverarbeitete Verletzungen, Leere, Langeweile, Kontrollbedürfnis sowie der Wunsch nach Macht über andere. Das Informa- Kein Kavaliersdelikt Stalker werden, je nach Motivlage, in fünf Hauptgruppen unterteilt: Der Ex-Partner, der aus Studienwoche Im März findet in Hamburg am Institut für Kriminologische Sozialforschung der Universität die Kriminologische Studienwoche und der Internationale Studientag zu „Stalking“ statt. Zwei der ReferentInnen sind die in Bremen lebende Dipl.-Sozialpädagogin, Julia Bettermann, die das Stalking-Projekt der Bremer Polizei evaluierte und der Bremer Kriminalhauptkommissar, Rolf Oehmke, der im Gespräch mit dem MIX das Phänomen „Stalking“ näher erklärt... Der gesamte Artikel incl. Interview umfasste ca. 8.500 Zeichen und erschien im MIX (Bremen) im Januar 04
Hoffnungslos verschuldet? Kaum zu glauben, aber deutsche Haushalte stehen im Schnitt mit 40.000 Euro in der Kreide. Besonders auf Familien mit Kindern lasten überproportional viele Kredite. Galt es früher noch als ehrenrührig Schulden zu haben, ist ein »Leben auf Pump« heute eher Regel statt Ausnahme. Was bringt Menschen dazu, über ihre Verhältnisse zu leben? Und was tun, wenn der Schuldenberg Dimensionen annimmt, die einem über den Kopf wachsen? Von Beate Cotok Ohne Moos nix los das wissen heute schon die jüngsten Bürger. Einerseits werden viele Menschen durch Arbeitslosigkeit und andere Gründe immer ärmer, andererseits steigen beinahe parallel dazu die Lebenshaltungskosten. Wer den Lebensstandard bei sinkendem Einkommen und steigenden Kosten aufrechterhalten will, landet schnell in einem Teufelskreis von finanziellen Belastungen (Zinsen, Tilgungen, Ratenzahlungen, Pfändungen). Ursachen für Überschuldungen
Allerdings ist das mangelnde Vermögen, mit dem zur Verfügung stehenden Etat auszukommen, längst nicht immer alleinige Ursache für eine Verschuldung. Inzwischen ist kaum noch jemand davor sicher, von heute auf morgen auf der sozialen Leiter auszurutschen und sich ein paar Stufen weiter unten wiederzufinden. Reduzierung des Einkommens durch Arbeitslosigkeit, gescheiterte Existenzgründungen, Scheidung, Krankheit und andere »Wechselfälle des Lebens« Schulden schon in jungen Jahren Laut einer Studie des Bundesverbandes deutscher Banken machen sich 28% aller Jugendlichen keine Gedanken beim Einkaufen in Bezug auf das Preis-Leistungsverhältnis und das persönliche Budget. Kinder und Jugendliche sind besonders gefährdet, da sie sich oft noch weniger über Gruppenzwänge bewusst sind und die Markenjeans als Eintrittskarte gilt, um in der Clique anerkannt zu werden. Anbieter von Mobiltelefonen werben mit dem »Handy für nur einen Euro« und erst beim zweiten Blick offenbart sich das Kleingedruckte, denn mit dem Super-Sonderangebot geht ein Vertrag einher, der nicht mehr ohne weiteres gekündigt werden kann eine Erkenntnis, die bei vielen zu spät kommt. Es überrascht daher nicht, dass laut aktuellen Statistiken der SCHUFA (Schutzgemeinschaft für Allgemeine Kreditsicherheit) starke Zunahmen der »Zahlungsstörungen« auf dem Telekommunika-tionssektor zu verzeichnen sind.... Der gesamte Artikel umfasste ca. 8.500 Zeichen und erschien im MIX (Bremen) im Februar 2004
Ausmisten! Der Frühling ist im Anmarsch und mit den milderen Temperaturen stellt sich bald das Bedürfnis nach mehr Leichtigkeit in Bezug auf die Garderobe ein. Der Blick in den Kleiderschrank offenbart zum Jahreszeitenwechsel wieder einmal, was sich alles von Jahr zu Jahr in den Regalen stapelt und mehr oder weniger ungenutzt herumliegt. Dazu kommen Schubladen voller Krimskrams, Bücherregale mit der berüchtigten »Steh-da-Bibliothek« sowie verstopfte Dachböden und Keller. Der nächste Frühjahrsputz steht bevor, doch wohin mit all den Sachen? Spätestens seit sich die westliche Welt mit »Feng Shui« beschäftigt, ist auch hierzulande bekannt, dass es »energetisch ungünstig« ist, zu viel Ballast um sich herum zu horten. Man braucht sich jedoch nicht mit Feng Shui auskennen zu müssen, um nicht schon einmal die Erfahrung gemacht zu haben, wie bedrückend ein Aufenthalt in lichtarmen, vollgestopften Räumen sein kann. Der Spruch, »Wer loslässt, hat die Hände frei« kommt bei der Entsorgung von alten Dingen zu seiner vollen Berechtigung, denn wer in seinem Wohnraum »tabula rasa« macht, bemerkt schnell, dass sich derartige Ausmistaktionen auch positiv auf das Gemüt auswirken. Jeans, Schuhe und Co. Je nach Qualität und Schick gibt es in Bremen jede Menge Second-Hand-Shops für gut erhaltene Kleidung. Die Läden arbeiten in der Regel auf Kommissionsbasis. Für Kleidungs- Die Ware sollte entweder modisch oder zeitlos, sauber und ohne Mängel sein. Es lohnt sich, gleich mehrere Geschäfte aufzusuchen, denn was nicht zum Stil des einen Ladens passt, kann für einen anderen durchaus akzeptabel sein. Manche Händler zahlen auch gegen bar; allerdings sind hier dann meist geringere Erlöse zu erwarten..... Der gesamte Artikel umfasste ca. 8.500 Zeichen und erschien im MIX (Bremen) im April 2004 Lernen, dass Lernen Spaß macht! Von Beate Wiemers Ausgelöst durch die Ergebnisse der Schulleistungsstudie PISA im Jahr 2002 ist die Bildungssituation in der Bevölkerung - besonders in Bremen - ein gesellschaftlich relevantes Thema, das von Medien und Politikern seitdem mehr Beachtung findet. Wenngleich es seinerzeit um das desolate Bildungsniveau von Schülerinnen und Schülern ging, so spiegelte das PISA-Ergebnis sicher nicht nur den Bildungsnotstand der Heranwachsenden wider, sondern auch den des sozialen Umfeldes. Aufwind hingegen bekam Bremen zusammen mit Bremerhaven 2005 mit der Auszeichnung als "Stadt der Wissenschaften" - Grund zum Stolz und Grund zur Hoffnung, aber war das alles? Am Sa. 9.9. tut sich zumindest wieder etwas! Dann nämlich geht um 11.00 Uhr die "Bremer Wissensmeile" an den Start. Die Arbeitnehmerkammer, das Haus der Wissenschaft, die Stadtbibliothek und die Domgemeinde St. Petri wollen künftig ihre Programme aufeinander abstimmen, gemeinsame Schwerpunkte entwickeln, sich gegenseitig unterstützen und gemeinschaftliche Aktionen planen. Von Mo. 11.9. bis So. 17.9. findet darüber hinaus eine "Wissenswoche" mit vielen interessanten Angeboten statt. Oberste Maxime dabei ist nicht der erhobene Zeigefinger, sondern die Devise "Lernen macht Spaß!" Wer, wie, was? Die Wissensmeile beginnt ziemlich genau da, wo die Kulturmeile in Bremen endet, nämlich bei der Stadtbibliothek in der Nähe des Goethe-Theaters und der Kunsthalle. Die Arbeitnehmerkammer setzt ab Ecke Bucht-/Bürgerstraße ein, dicht gefolgt vom Haus der Wissenschaft (Nähe Sandstraße). Die jeweiligen Standorte sind also nur durch kurze Wege getrennt, so dass Interessierte sich zu Fuß von Station zu Station über die zahlreichen Angebote informieren können. Bildung ist ein Menschenrecht oder sollte es zumindest sein. Viele Dichter und Philosophen zerbrachen sich über Jahrhunderte die Köpfe, um kluge Weisheiten über das Lernen, das Wissen und die Bildung von sich zu geben. Doch Bildung soll nicht darauf abzielen, Fachidioten zu produzieren, sondern stets auch zum allgemeinen und umfassenden Wissenstand beitragen, um den persönlichen Horizont und die Allgemeinbildung zu erweitern. A propos Allgemeinbildung - das Zitat "Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Sobald man aufhört, treibt man zurück" stammt übrigens von dem englischen Komponisten und Musikpädagogen Benjamin Britten. Welch weise Worte! Auch Bürgermeister Jens Böhrnsen scheint von dem Thema angetan zu sein. Als Schirmherr unternimmt er nämlich am Eröffnungstag einen Rundgang durch die Wissensmeile und die jeweiligen Institutionen. Dabei wird er von der Bläserkombo "Lauter Blech" begleitet. Informationsselektion Die Menschheit wurde dank des Informationszeitalters wohl noch nie mit derart viel Wissen konfrontiert, wie heute. Das hat Vorteile, denn viele Informationen sind nun auch vielen Menschen zugänglich, was früher nicht der Fall war und auch nicht der Fall sein sollte. Man denke nur an die Verhinderung von Wissensweitergabe durch die katholische Kirche vor der Zeit Martin Luthers. Nachteile des Informationszeitalters sind jedoch, dass ein Großteil dieser Informationen nicht unbedingt erwünscht ist - auch hier gibt es oft "lauter Blech". Die Zufuhr oft ungesuchter Reizüberflutung nimmt weiter zu. Besonders in öffentlichen Einrichtungen, wie z. B. Bahnhöfen und Flughäfen, werden große Monitore und Lautsprecher installiert, über die nonstop Nachrichten und Werbung übermittelt werden. Nachrichten, die teilweise von Agenturen stammen, die sich zwar den Anschein der Objektivität geben, tatsächlich aber gezielt bestimmte Informationen - und vor allem Bilder - vermitteln, die die Interessen ihrer Finanziers repräsentieren, aber nicht hintergründig recherchiert sind. Leitmotivisch sprechen Bilder ihre eigene Sprache, warnen z. B. vor den Gefahren des weltweiten Terrors und kategorisieren in "Gut" und "Böse", während realer gegenwärtiger Völkermord unter den Tisch gekehrt wird. Meinungsmache Die Massenmedien konstruieren also das, was als Realität wahrgenommen werden soll. Dabei gilt "Neue Ziele und Interessen schaffen neue Wahrnehmungen". Die Technik macht es möglich, denn Bilder lassen sich gezielt einsetzen und verfehlen ihre Wirkung im Unterbewusstsein weit weniger als Texte. Nicht umsonst heißt es "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte." Fazit: Es existieren zu viele Wahrheiten, deren Quellen kaum noch nachvollziehbar sind. Schon Descartes ließ sich zu folgender Bemerkung hinreißen: "Als ich überlegte, wie viele verschiedene Ansichten es über die gleiche Sache geben kann, deren jede einzelne ihren Verteidiger unter den Gelehrten findet, und wie doch nur eine einzige davon wahr sein kann, da stand es für mich fest: Alles, was lediglich wahrscheinlich ist, ist wahrscheinlich falsch". Descartes - wer war das nun wieder? Rene Descartes war ein französischer Mathematiker und Philosoph, der im 16. Jahrhundert lebte. Mathematik und Philosophie sind nämlich gar nicht so weit voneinander entfernt. Ähnlich war es auch bei Pythagoras. Der nämlich sagte: "In der Zwei hat der Mensch die Sicht für die Eins verloren, denn er wurde von der Vielfalt besessen". Doof waren die Jungs damals also auch nicht, obwohl es noch kein Internet und keine Suchmaschinen gab. (Nebenbei bemerkt: Nichts gegen Internet und Suchmaschinen; sie erleichtern RedakteurInnen beispielsweise ungemein die Suche nach Zitaten.) Aber zurück zu Pythagoras: Der Mann hatte also wirklich mehr zu bieten als nervige Lehrsätze für den Mathematikunterricht über gleichschenklige Dreiecke. Die Vielfalt ist es nämlich heute gerade, die Verwirrung stiftet und an der die Massenmedien kranken. Fast sehnt man sich in eMail-Zeiten wieder nach einem Briefkasten, der täglich von einem freundlichen Angestellten der Post gefüllt wird, denn inzwischen werden Briefkästen immer leerer und eMail-Fächer immer voller. Dabei klafft die Schere zwischen Qualität und Quantität immer weiter auseinander. Worauf kommt es also an? Auf die bewusste Selektion von Wissen, denn die akustischen und visuellen Informationen, die nahezu rund um die Uhr auf uns einwirken und Aufmerksamkeit für sich beanspruchen, sind nicht immer Ausdruck von Qualität und schon gar nicht immer Ausdruck der Wahrheit. Immer wieder gut für ein Zitat ist auch Goethe. Aus dem "Faust" stammt folgender weise Ausspruch: "Oh glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen! Was man nicht weiß, das eben brauchte man, und was man weiß, kann man nicht brauchen" - passt auch ganz gut zum Informationsüberfluss, oder? Wissen und Weisheit Schopenhauer, seines Zeichens ebenfalls Philosoph, behauptete sogar:"Vermöge seiner Bildung sagt der Mensch nicht, was er denkt, sondern was andere gedacht haben und was er gelernt hat". Ein weiteres Zitat, das von Nietzsche stammt, lässt sich ebenfalls gut in die heutige Zeit übertragen und zwar:"Die Bildung wird täglich geringer, weil die Hast größer wird". Und eine französische Weisheit beweist, dass nicht nur die früheren Gelehrten des Bildungsbürgertums von vielen Dingen Ahnung hatten, sondern dass auch der Volksmund durchaus in der Lage war, das Gedankengut einfacher Leute in kluge Worte zu kleiden: "Wer nichts weiß, bezweifelt nichts". Wohl wahr! Darum ist es wichtig, dass einerseits das Lernen nicht in der Schule aufhört und dass junge Menschen in der Schule und zu Hause zu kritikfähigen BürgerInnen erzogen werden. Und das funktioniert am besten durch Vorbilder in der Erwachsenenwelt. Denn: Damit sich die Lebenssituation auf der Welt für alle Menschen ändert, gilt es, zu durchschauen, welche manipulativen Interessengemeinschaften Meinungen schaffen. Sonst wird erreicht, dass entweder die Ignoranz oder aber die stille Zustimmung der Massen dazu beiträgt, dass der Status Quo erhalten bleibt und das, obwohl sich doch eigentlich alle Frieden wünschen und in einer lebenswerten Welt leben wollen. Wissen ist auch Verantwortung. Und wenn aus Verantwortung Mut entsteht, z. B. zum Nein-Sagen, werden vielleicht irgendwann keine Kriege mehr geführt. Mehr als je zuvor scheint es also darauf anzukommen, Informationen zu selektieren und deren Quellen nachzuvollziehen, soweit das überhaupt noch möglich ist. Die Wissensmeile sowie die Wissenswoche bieten ein gutes Übungsfeld, um sich selektiv zu informieren. Nachhaltiges Lernen ist eng an Aktionen gekoppelt und nicht an trockene Theorie. Werden verschiedene Sinne angeregt, prägt sich das Gelernte besser ein. Während der Eröffnungstage der Wissensmeile können Lernwillige erfahren, wie man Türkisch in 30 Minuten lernt, das Tanzen mit einer Tänzerin des Ensembles am Goethe-Theater ausprobieren oder aber das Jonglieren und Seillaufen. Was es z. B. heißt, von und in der Stadt zu lernen, ist das Thema von Lutz Liffers, einem bekennenden Bewohner Gröpelingens. Hirnforscher Gerhard Roth klärt rechtzeitig zum Schulanfang darüber auf, wie man Schülergehirne zum Lernen bringt. Um verborgene Kompetenzen geht es in einem Vortrag in der Arbeitnehmerkammer mit dem Titel "Wenn Sie wüssten, was Sie wissen". Programmbegleitend finden im Haus der Wissenschaft, der Unteren Rathaushalle und der Arbeitnehmerkammer auch Ausstellungen statt. Flyer mit Informationen zum genauen Programm der Wissensmeile liegen an vielen öffentlichen Stellen in Bremen aus. Die Wissensmeile schließt übrigens am So. 17.9. mit einem Gottesdienst zum Thema Lernen im Dom ab. Was hat die Wissensmeile nun wieder mit einem Gottesdienst zu tun? "Wissen ist Macht" sagte zwar Francis Bacon aber das bereits erwähnte Zitat von Pythagoras soll wohl ausdrücken, dass bei all der Vielfalt nicht der Blick für das Eine verloren gehen darf. Der Intellekt hat zwar den technischen Fortschritt enorm vorangetrieben, aber die menschliche Gesinnung bislang nicht wesentlich qualitativ verändert. Letztendlich ist "Das Wesentliche für die Augen unsichtbar" (Antoine de Saint Exupéry.)
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